Donnery verbindet Digitalen Euro mit Legacy-Modernisierung
Sharon Donnery ist Vertreterin der Europäischen Zentralbank (EZB) im Supervisory Board der europäischen Bankenaufsicht. In einem am 30. September 2026 veröffentlichten Interview mit banko.ro wird sie mit geschätzten Implementierungskosten von 4 bis 5,8 Milliarden Euro für den Bankensektor des Euroraums konfrontiert – und mit der Frage, wie sich diese Investitionen vor dem Hintergrund der ohnehin notwendigen Erneuerung von Legacy IT rechtfertigen lassen.
Donnery verweist darauf, dass die Modernisierung von Legacy-Systemen und die Stärkung der digitalen Resilienz bereits erhebliche Investitionen der Banken erforderten. Viele der für den Digitalen Euro notwendigen Technologieinvestitionen würden sich ihrer Einschätzung nach mit der breiteren digitalen Transformation der Institute überschneiden. Der langfristige Business Case liege daher auch in der Modernisierung der Zahlungsverkehrsinfrastruktur. Gleichzeitig könnten Banken auf Basis des Digitalen Euro neue Zahlungsdienste entwickeln und ihre Kundenbeziehungen ausbauen.
Die Verbindung zur bestehenden Banken-IT wird inzwischen auch in den technischen Vorbereitungen konkreter.
Pilot bringt den Digitalen Euro in die Systeme der Zahlungsdienstleister
Für den ab der zweiten Jahreshälfte 2027 geplanten zwölfmonatigen Pilotbetrieb des Digitalen Euro hat die EZB 36 Zahlungsdienstleister aus dem Euroraum ausgewählt. Mehr als 50 hatten sich beworben. Getestet werden soll eine Beta-Version unter realitätsnahen Bedingungen.
Die teilnehmenden Zahlungsdienstleister müssen unter anderem die Anbindung an die Digital Euro Service Platform (DESP) herstellen, eigene Zahlungsdienste entwickeln sowie User Tests und eine Backend-Zertifizierung durchlaufen.
In den FAQs für den Digital-Euro-Piloten weist die EZB darauf hin, dass Aufwand und Kosten von Institut zu Institut unterschiedlich ausfallen dürften. Einfluss hätten das Geschäftsmodell und die vorhandene Infrastruktur sowie der erforderliche Integrationsgrad. Beim Entwicklungsaufwand nennt die EZB ausdrücklich auch den Grad der Modularität der Systeme und die Erfahrungen mit vergleichbaren Vorhaben. Zahlungsdienstleister könnten zudem vorhandene technische Lösungen nutzen und Technical Service Provider einbinden.
Damit wird die Beschaffenheit der bestehenden IT-Landschaft unmittelbar zu einem Faktor bei der Integration des Digitalen Euro.
Bundesbank beschreibt die neue Infrastruktur
Auch die Deutsche Bundesbank beschäftigt sich detailliert mit der technischen Umsetzung. In ihrem Monatsbericht vom März 2026 beschreibt sie die Kernelemente und Perspektiven des Digitalen Euro.
Hervorgehoben wird die zentrale Rolle der Digital Euro Service Platform. Die DESP soll zentrale Funktionen des Digitalen Euro bereitstellen, während Zahlungsdienstleister weiterhin die Schnittstelle zum Kunden bilden. Daraus entstehen Integrationspunkte zwischen der neuen europäischen Infrastruktur und den Systemen der Banken und anderer Zahlungsdienstleister.
Auch Funding und Defunding stellen Verbindungen zum bestehenden Zahlungsverkehr her. Über sogenannte Wasserfall- und umgekehrte Wasserfallmechanismen sollen Digitale Euro und Geschäftsbankengeld miteinander verknüpft werden können. Überschreitet beispielsweise eine eingehende Zahlung das vorgesehene Haltelimit für Digitale Euro, kann der überschüssige Betrag auf ein verbundenes Geschäftsbankkonto übertragen werden.
REST-Schnittstelle soll die Integration erleichtern
Das technische Zielbild hat die EZB bereits in ihrem Abschlussbericht zur Vorbereitungsphase konkretisiert. Für die Verbindung zwischen Zahlungsdienstleistern und der Backend-Infrastruktur der DESP soll eine synchrone REST-Schnittstelle eingesetzt werden. Dabei will die EZB auf Marktstandards und Technologien zurückgreifen, die den Instituten bereits aus PSD2 und bestehenden Zahlungsverkehrsinfrastrukturen bekannt sind.
Die Schnittstelle soll Transaktionen mit geringer Latenz ermöglichen und auf Dateninterfaces aufsetzen, die Zahlungsdienstleistern bereits bekannt seien. Damit soll die Integration in vorhandene Systeme erleichtert und zusätzlicher Implementierungsaufwand begrenzt werden.
Wie weit die technische Ausarbeitung inzwischen fortgeschritten ist, lässt sich in den technischen Dokumenten der EZB zum Digitalen Euro nachvollziehen. Dort finden sich neben den Spezifikationen für den Pilotbetrieb auch Backend-Implementierungsspezifikationen des Rulebook v0.91, unter anderem für Access Management, Risk & Fraud, Dispute Management, Data Exchange, Settlement und das Data Dictionary.
ISO 20022 gehört zum technischen Zielbild
Auch ISO 20022 ist Bestandteil der geplanten Architektur. Der aktuelle Entwurf des Digital Euro Scheme Rulebook in Version 0.91 wurde am 2. Juli 2026 veröffentlicht und umfasst neben dem eigentlichen Regelwerk umfangreiche Frontend- und Backend-Spezifikationen.
„Für die DESP-Domäne sieht das Rulebook vor, dass die Schnittstellen für die Abwicklung von Transaktionen zwischen Zahlungsdienstleistern und DESP das ISO-20022 Data Dictionary verwenden, soweit es anwendbar ist“, erläutert Stanislaw Dörschner, Experte für den Digitalen Euro bei DPS. Zusätzliche Elemente, die speziell für die digitale Währung benötigt werden, sollen separat definiert werden. Die Spezifikationen innerhalb der DESP-Domäne sollen zugleich der Struktur marktüblicher RESTful-API-Dokumentationen folgen. Als Beispiel nennt das Rulebook die Berlin Group.
Damit verbindet die vorgesehene Architektur zwei Entwicklungen, die Banken bereits aus anderen Modernisierungsvorhaben kennen: API-basierte Integration und ISO 20022.
Das Legacy IT Center hat die ISO-20022-Migration bereits in zahlreichen Beiträgen unter dem Gesichtspunkt der Legacy-Modernisierung betrachtet. Der Wechsel des Nachrichtenformats allein erschließt den Nutzen der stärker strukturierten Daten noch nicht. Sollen Informationen durchgängig verarbeitet und beispielsweise für Automatisierung, Compliance, Analytics oder neue Services genutzt werden, müssen auch nachgelagerte Anwendungen und Datenmodelle damit umgehen können. Beim Digitalen Euro stellt sich diese Integrationsfrage erneut – diesmal bei der Verbindung der bestehenden Systemlandschaften mit einer neu entstehenden europäischen Zahlungsinfrastruktur.
Kosten bleiben Gegenstand der Debatte
Über die Kosten der notwendigen Anpassungen wird seit längerem gestritten. Eine 2025 im Auftrag europäischer Bankenverbände erstellte PwC-Studie kam auf erheblich höhere Beträge. Wie das Handelsblatt bereits nach Veröffentlichung der Studie berichtete, kritisierte die EZB unter anderem methodische Lücken und mangelnde Transparenz bei der Kostenschätzung.
Welche Aufwände auf einzelne Institute zukommen, dürfte stark von deren technischer Ausgangslage abhängen. Für den kommenden Pilot nennt die EZB unter anderem die vorhandene Infrastruktur, den erforderlichen Integrationsgrad und die Modularität der Systeme als relevante Faktoren für Aufwand und Kosten.
Für Banken stellt sich damit eine konkrete Architekturfrage: Wie tief müssen sie für den Digitalen Euro in bestehende Zahlungsverkehrs- und Backend-Systeme eingreifen – und welche ohnehin anstehenden Modernisierungsschritte lassen sich mit der neuen Infrastruktur verbinden? (td)





