Eine Milliarde Transaktionen im Monat: Mainframe als kritische Infrastruktur
Der österreichische Banken-IT-Dienstleister Raiffeisen Informatik hat seine Mainframe-Infrastruktur um eine Cyber-Recovery-Lösung von Hitachi Vantara erweitert. Das berichtet das digitalmagazin. Ausgangspunkt war ein Szenario, bei dem sämtliche Storage-Systeme an beiden Rechenzentrumsstandorten durch einen Cyberangriff ausfallen. Die Wiederherstellung hätte unter diesen Bedingungen bislang schätzungsweise sieben Tage gedauert. Mit der neuen Architektur soll sie innerhalb von ein bis zwei Stunden möglich sein.
Raiffeisen Informatik betreibt unter anderem Mainframe-Anwendungen für die Raiffeisen Banking Group und die UNIQA-Versicherungsgruppe. „Über die Mainframe-Umgebung des Wiener Dienstleisters laufen monatlich rund eine Milliarde Transaktionen für mehr als 1,25 Millionen Endkunden“, notiert das Magazin.
Unveränderliche Snapshots beschleunigen die Wiederherstellung
Die eingesetzte Hitachi Mainframe Cyber Resiliency Solution kombiniert kontinuierliche Datenreplikation über Hitachi Universal Replicator mit ShadowImage for Mainframe zur Erstellung unveränderlicher Snapshots (Immutable Snapshots). Zwei zusätzliche NVMe-basierte Storage-Systeme dienen als geschützte Ziele für diese Datenkopien.
Im Wiederherstellungsfall könnten die Mainframe-Anwendungen direkt auf die Snapshots zugreifen. Eine vollständige Rückübertragung der Daten auf die ursprünglichen Storage-Systeme sei dadurch nicht erforderlich.
Das Recovery Time Objective (RTO) gibt Hitachi Vantara mit ein bis zwei Stunden an, das Recovery Point Objective (RPO) mit zwei Stunden. Letzteres bezeichnet den maximal tolerierten Zeitraum, für den Daten bei einem Ausfall verloren gehen können. Die Wiederherstellung werde jährlich in einer isolierten logischen Mainframe-Partition (LPAR) getestet. Die Implementierung habe rund vier Monate beansprucht.
Die gemeldete Zeitersparnis ist allerdings differenziert zu betrachten: Während die ursprünglichen sieben Tage auf einer Schätzung für das Totalausfallszenario beruhen, werden die neuen Recovery-Zeiten als Testergebnis beschrieben. Ein direkter Vergleich zweier unter identischen Bedingungen gemessener Wiederherstellungsvorgänge liegt damit nicht vor.
Broadridge und Investmentbank verfolgen weitere Ansätze
Auch andere Finanzdienstleister haben zuletzt ihre Mainframe-Resilienz weiterentwickelt. Der US-amerikanische Kapitalmarktdienstleister Broadridge Financial Solutions setzt laut einer IBM-Fallstudie unter anderem auf IBM Z Cyber Vault. Die Technologie soll geschützte und auf Integrität überprüfte Datenkopien für eine kontrollierte Wiederherstellung nach Cyberangriffen bereitstellen. Konkrete Recovery-Zeiten nennt IBM nicht.
Einen anderen Schwerpunkt setzt eine internationale Investmentbank, deren Projekt der IT-Dienstleister CPT Global im September 2026 dokumentierte. Die nicht namentlich genannte Bank habe den Wechsel produktiver Mainframe-Workloads zwischen zwei Rechenzentren weitgehend automatisiert. Dazu gehörten die selektive Umschaltung von LPAR-Gruppen, Failover- und Failback-Verfahren sowie Tests der Systemverfügbarkeit und Netzwerklatenz über Sysplex-Grenzen hinweg.
Nach Angaben von CPT Global führt die Bank inzwischen vierteljährliche Rechenzentrumswechsel durch. Die Verfahren hätten sich auch bei einem tatsächlichen Produktionsausfall bewährt.
Die Projekte adressieren unterschiedliche Ausfallszenarien: Raiffeisen Informatik konzentriert sich auf die Wiederherstellung nach einem vollständigen Storage-Verlust, Broadridge auf die Absicherung und Integrität von Datenkopien und die Investmentbank auf den kontrollierten Wechsel zwischen Rechenzentren. Entsprechend lassen sich ihre Ergebnisse nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Alle drei Fallstudien stammen zudem aus der Kommunikation beteiligter Technologie- und Beratungsunternehmen.
Wenn die Systeme laufen, aber das Geschäft noch nicht
Über die technische Wiederherstellung hinaus stellt sich eine weitere Frage: Wann können Banken ihre Geschäftsprozesse nach einem schwerwiegenden Ausfall tatsächlich wieder vollständig aufnehmen?
Auf diese Unterscheidung hat Uwe Graf, Kolumnist des Legacy IT Center, bereits in seinem Beitrag „Wenn das System wieder läuft, aber das Geschäft noch nicht“ hingewiesen. Gerade bei gewachsenen Legacy-Anwendungen komme es darauf an, neben der Verfügbarkeit der Systeme auch die fachliche Konsistenz der Daten, die Abhängigkeiten zwischen Anwendungen und die Verarbeitungsketten zu berücksichtigen. Eine technisch erfolgreiche Wiederherstellung müsse deshalb nicht zwangsläufig einen funktionsfähigen Geschäftsbetrieb bedeuten.
Für den Fall Raiffeisen Informatik betrifft dies insbesondere die Frage, wie Transaktionen behandelt werden, die zwischen dem letzten wiederherstellbaren Snapshot und dem Ausfall verarbeitet wurden. Ebenso entscheidend ist, ob die Recovery-Tests neben der technischen Verfügbarkeit auch die Ende-zu-Ende-Verarbeitung der betroffenen Bankanwendungen abdecken. Hierzu enthalten die veröffentlichten Projektinformationen keine ausreichenden Angaben.
Mit der europäischen DORA-Verordnung hat die nachweisbare operationelle Resilienz für Finanzunternehmen zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Die aktuellen Projekte zeigen unterschiedliche Möglichkeiten, Mainframe-Infrastrukturen gegen schwerwiegende Störungen abzusichern. Ob die Wiederherstellung der IT zugleich die vollständige Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebs gewährleistet, bleibt jedoch eine eigenständige Frage. (td)





