Die Kapitalmarktexperten des IT-Dienstleisters DPS weisen anlässlich des Ein-Jahres-Countdowns auf die verbleibenden technischen Herausforderungen hin. Auch das Branchenportal Finextra berichtet über den bevorstehenden Stichtag.
Darin fordert Rollo Burgess, Partner der Unternehmensberatung Capco, belastbare Nachweise für die operative Einsatzbereitschaft der Institute. Handlungsbedarf sieht er insbesondere bei der Automatisierung von Handelsbestätigungen und Settlement-Instruktionen. Auch Liquiditätsmanagement, Wertpapierleihe und Finanzierungskosten könnten von den verkürzten Abwicklungsfristen betroffen sein.
Erste Anforderungen bereits im Dezember
Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat auf eine frühere regulatorische Frist hingewiesen: Bereits am 7. Dezember 2026 sollen erste Anforderungen an Allokations- und Bestätigungsprozesse greifen. Dazu zählt insbesondere deren Abschluss am Handelstag bis spätestens 23 Uhr. Auch die standardisierte elektronische Kommunikation und die Angabe des Place of Settlement (PSET) spielen eine Rolle.
Damit müssen Banken einzelne Prozessanpassungen bereits deutlich vor der eigentlichen T+1-Umstellung abschließen.
Mainframe und Batch-Verarbeitung unter Zeitdruck
Viele Banken setzen in der Wertpapierabwicklung weiterhin auf gewachsene Mainframe-Anwendungen, häufig auf Basis von COBOL oder Assembler. Insbesondere die Tagesendeverarbeitung ist durch umfangreiche Batch-Prozesse und zahlreiche Abhängigkeiten geprägt.
Unter T+1 können sequenzielle Jobketten und lange Verarbeitungsläufe zum Engpass werden. Das Legacy IT Center hatte bereits über die notwendigen Anpassungen klassischer Batch-Verfahren berichtet. Ein vollständiger Austausch bestehender Kernsysteme ist nicht zwingend erforderlich. Vielmehr geht es darum, Laufzeiten zu verkürzen, Jobketten neu zu organisieren und geeignete Verarbeitungsschritte zu parallelisieren. Weitere Ansatzpunkte sind effizientere Datenbankzugriffe, die Reduzierung von I/O-Last und eine gezielte Batch-Orchestrierung.
Fünf europaweite Testfenster 2027
Ob die Anpassungen ausreichen, müssen umfassende Tests zeigen. Die europäische T+1-Teststrategie sieht für 2027 fünf koordinierte Testfenster vor. Bereits zuvor sind interne und bilaterale Tests mit Marktpartnern erforderlich.
Eine besondere Herausforderung: Die europäischen Gremien geben keinen einheitlichen, verbindlichen Testfallkatalog vor. Institute müssen ihre Szenarien daher anhand der eigenen Anwendungen, Produkte und Prozessabhängigkeiten entwickeln.
Gerade in gewachsenen IT-Landschaften müssen Mainframe-Anwendungen, Middleware, dezentrale Systeme und externe Schnittstellen gemeinsam getestet werden. Dabei kommt es insbesondere auf Ausnahmeprozesse an.
„Bei T+1 müssen wir insbesondere die Ausnahmeprozesse in den Blick nehmen: Was passiert bei verspäteten Handelsbestätigungen, fehlerhaften Settlement-Instruktionen oder einem abgebrochenen Batchlauf? Entscheidend ist, ob Fehler rechtzeitig erkannt, korrigiert und die betroffenen Verarbeitungsschritte innerhalb der verkürzten Fristen erneut ausgeführt werden können“, erklärt Daniël Wolswijk, Kapitalmarktexperte bei DPS.
Die Bedeutung frühzeitiger bilateraler Tests liegt nach Einschätzung des IT-Dienstleisters darin, kritische Abhängigkeiten zwischen Banken, Brokern, Custodians und weiteren Marktteilnehmern rechtzeitig aufzudecken.
ISO 20022: SWIFT verschiebt Release mit Blick auf T+1
Wie eng die Umstellungspläne miteinander verflochten sind, zeigt die Verschiebung des ISO 20022 Deferred Standards Release 2026 von SWIFT. Das zunächst für das erste Quartal 2027 vorgesehene Release wurde auf den 12. Juni 2027 verlegt. Betroffen sind unter anderem ISO-20022-Nachrichten für Securities und Funds.
Hintergrund waren ausdrücklich auch die T+1-Vorbereitungen. Die Europäische Zentralbank hatte vor Risiken für die Test- und Migrationsplanung gewarnt und eine Synchronisierung mit dem TARGET-Services-Release im Juni angeregt.
Die Verschiebung verdeutlicht, wie wichtig die Abstimmung zwischen internen Systemanpassungen, externen Release-Terminen und europaweiten Testphasen ist.
Die verbleibende Zeit muss auch für Tests reichen
Ein Jahr vor T+1 rückt die Belastbarkeit der bestehenden IT-Landschaften in den Vordergrund. Die Optimierung von Mainframe-Anwendungen und Batch-Prozessen ist dabei nur ein Teil der Aufgabe.
Entscheidend wird sein, ob die vollständigen Verarbeitungsketten auch unter realistischen T+1-Bedingungen funktionieren – einschließlich externer Schnittstellen, Fehlerfällen und hoher Verarbeitungslasten. Dafür müssen die Institute ausreichend Zeit für interne, bilaterale und marktweite Tests einplanen. (td)
Hintergrund: Von T+2 über T+1 zu T+0
Was bedeutet T+1? Bei T+1 werden Wertpapiergeschäfte spätestens am nächsten Geschäftstag nach dem Handel abgewickelt. Dabei erfolgt die Übertragung der Wertpapiere gegen Zahlung des Kaufpreises. In Europa gilt bislang grundsätzlich T+2, also eine Abwicklungsfrist von zwei Geschäftstagen.
Nordamerika hat bereits vorgelegt: Die USA, Kanada und Mexiko haben ihre Wertpapierabwicklung im Mai 2024 auf T+1 umgestellt. Die EU, Großbritannien und die Schweiz folgen am 11. Oktober 2027.
Ist T+0 der nächste Schritt? Die Abwicklung noch am Handelstag wird bereits diskutiert. Insbesondere Distributed-Ledger-Technologien (DLT) und tokenisierte Wertpapiere könnten eine nahezu unmittelbare Abwicklung ermöglichen (Atomic Settlement). Einen verbindlichen Zeitplan für eine allgemeine Umstellung auf T+0 gibt es in Europa bislang nicht.





