Tokenisierung und Legacy IT: Finanzbranche setzt auf Integration statt Ablösung

Werden tokenisierte Vermögenswerte die bestehende Finanzmarktinfrastruktur ersetzen? Diese Frage begleitet die Diskussion über Distributed-Ledger-Technologien (DLT) seit Jahren. Während viele Befürworter in der Tokenisierung den Beginn einer neuen Marktarchitektur sehen, deuten aktuelle Entwicklungen in eine andere Richtung.

Ein aktueller Debattenbeitrag ist unter anderem ein Ende Mai 2026 veröffentlichter Beitrag des Luxemburger Finanzmarktinfrastrukturanbieters Axiology. Das Unternehmen argumentiert, dass Tokenisierung ihr volles Potenzial nicht entfalten könne, wenn neue Funktionen lediglich auf bestehende Systeme aufgesetzt würden. Solange Verwahrung, Settlement und Betriebsprozesse weiterhin auf traditionellen Infrastrukturen basierten, blieben Effizienzverluste und Doppelstrukturen bestehen.

Axiology sieht die Herausforderung dabei nicht nur in der Technologie. Das Unternehmen verweist auf die unterschiedlichen regulatorischen Vorgaben für tokenisierte Finanzinstrumente und Krypto-Assets in Europa. Während tokenisierte Wertpapiere weiterhin den Anforderungen von MiFID II unterliegen, fallen Stablecoins und andere Krypto-Assets unter MiCA. Dadurch könnten neue Betriebs-, Compliance- und Verwahrungsstrukturen entstehen, die den Aufbau einer durchgängigen Infrastruktur erschweren.

Diese Argumentationskette ist nicht neu. Schon seit den ersten Blockchain-Initiativen im Finanzsektor wird darüber diskutiert, ob bestehende Marktinfrastrukturen modernisiert oder durch neue Plattformen ersetzt werden sollten. Die aktuelle Entwicklung am Markt spricht jedoch eher für den ersten Weg.

Citi erwartet keinen radikalen Umbruch

Ein Beispiel liefert die Anfang Juni 2026 veröffentlichte Studie „Tokenization 2030: Wall Street on Chain“ des Citi Institute. Dabei handelt es sich um die Research- und Analyseeinheit der US-Großbank Citigroup, die regelmäßig Studien zu langfristigen Entwicklungen in Wirtschaft, Technologie und Finanzmärkten veröffentlicht. Die Autoren prognostizieren, dass tokenisierte Vermögenswerte bis zum Ende des Jahrzehnts ein Volumen von rund 5,5 Billionen US-Dollar erreichen könnten.

Von einer Ablösung bestehender Marktstrukturen ist in der Studie allerdings keine Rede. Citi erwartet vielmehr eine längere Übergangsphase, in der tokenisierte und traditionelle Systeme parallel betrieben werden. Die Autoren sprechen ausdrücklich von einer Evolution der Finanzmärkte und nicht von einer Revolution. Tokenisierung werde sich schrittweise in bestehende Marktstrukturen integrieren.

Als Treiber dieser Entwicklung nennt Citi nicht nur Fintechs und Krypto-Anbieter, sondern auch etablierte Marktinfrastrukturen wie DTCC, NYSE und Nasdaq. Diese würden Tokenisierung zunehmend in bestehende Emissions-, Handels- und Abwicklungsprozesse einbinden.

EZB arbeitet an der Anbindung von DLT-Plattformen

Auch die Europäische Zentralbank verfolgt einen ähnlichen Ansatz. In einer Rede zur Zukunft digitaler Vermögenswerte stellte EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone Ende November 2025 die Projekte „Pontes“ und „Appia“ vor. Ziel ist es, DLT-basierte Plattformen mit bestehenden Infrastrukturen des Eurosystems zu verbinden.

Mit „Pontes“ soll ab dem dritten Quartal 2026 eine Lösung bereitstehen, die die Abwicklung von Transaktionen auf DLT-Plattformen in Zentralbankgeld ermöglicht. Die Verbindung zu den bestehenden TARGET Services bleibt dabei erhalten.

Auch bei „Appia“ stehen Themen wie Interoperabilität, Standardisierung und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Plattformen im Mittelpunkt.

Die Projekte zeigen, dass sich die Diskussion längst nicht mehr ausschließlich um die Frage dreht, ob DLT bestehende Systeme ersetzen kann. Im Vordergrund steht zunehmend die Zusammenarbeit unterschiedlicher Infrastrukturen.

Die Rolle des Kernbanksystems wird neu definiert

Einen Denkanstoß für die technische Umsetzung liefert Kirk Chapman, Advisor für den Bereich Crypto bei Blue Dot Investors.

Er argumentiert, dass tokenisierte Einlagen nicht innerhalb klassischer Kernbanksysteme betrieben werden sollten. Stattdessen plädiert er für eine eigenständige Settlement-Schicht neben dem Core Banking. Traditionelle Kernbankensysteme seien für Batch-Verarbeitung und kontobasierte Prozesse entwickelt worden, während programmierbare Zahlungen, Wallets und Echtzeit-Settlement andere technische Anforderungen mitbrächten.

Damit beschreibt Chapman eine Architektur, in der neue Funktionen neben den vorhandenen Plattformen entstehen und über Schnittstellen mit ihnen verbunden werden.

Zwischen Ablösung und Integration

Deutlich wird, dass sich die Erwartungen an die Tokenisierung verändert haben. Vor einigen Jahren stand häufig die Vorstellung im Mittelpunkt, bestehende Marktinfrastrukturen könnten durch DLT-Plattformen ersetzt werden. Heute beschäftigen sich Zentralbanken, Börsenbetreiber, Banken und Technologieanbieter vor allem mit der Frage, wie neue und bestehende Systeme zusammenarbeiten können.

Ob sich die Warnungen von Axiology bewahrheiten, wird sich erst mit zunehmender Marktreife zeigen. Die Analysen von Citi, die Initiativen von EZB und zahlreichen Marktinfrastrukturen deuten jedoch auf einen anderen Entwicklungspfad hin. Statt bestehende Systeme kurzfristig abzulösen, entstehen neue Tokenisierungsplattformen zunächst neben den vorhandenen Infrastrukturen.

Für Banken bedeutet das zusätzliche Komplexität. Gleichzeitig eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit, neue Technologien einzuführen, ohne bestehende Kernsysteme vollständig ersetzen zu müssen. (td)