Bank ohne Legacy: Wie realistisch ist die grüne Wiese?

Wie würde eine Bank aussehen, wenn sie 2026 komplett neu aufgebaut werden könnte – ohne Mainframe, COBOL und über Jahrzehnte gewachsene IT-Landschaften? Nicole Nitsche geht dieser Frage in einem Beitrag für Payment & Banking nach. Ihr Gedankenexperiment stellt eine cloud-native, stark automatisierte Bank der Realität deutscher Institute gegenüber.

Das technologische Fundament einer solchen Greenfield-Bank wäre demnach ein cloud-natives Kernbanksystem, dessen Funktionen über Schnittstellen bereitgestellt werden. Produkte ließen sich flexibel integrieren, KI wäre von Beginn an Bestandteil des Betriebskonzepts. Als Beispiele für entsprechende Technologieanbieter nennt Nitsche unter anderem Mambu, Tuum, Thought Machine und 10x.

Für bestehende Banken sieht die Autorin vor allem in der Modernisierung gewachsener Anwendungen eine Herausforderung. KI-gestützte Entwicklung könne dabei neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig verweist sie auf Risiken bei Sicherheit und Nachvollziehbarkeit von KI-generiertem Code. Gerade im regulierten Bankenumfeld bleibe damit die Frage, wie sich automatisierte Softwareentwicklung mit den Anforderungen der Aufsicht verbinden lasse.

Die deutsche Banken-IT folgt einer anderen Logik

Bei deutschen Instituten stößt das Greenfield-Modell nach Einschätzung von Nitsche schnell an die Realität bestehender Strukturen. Große Teile des Retail-Bankings liefen über Atruvia und die Finanz Informatik. Beide betrieben eigene Rechenzentren und setzten zugleich in erheblichem Umfang Technologie von IBM ein. Atruvia habe eine Vereinbarung geschlossen, die unter anderem z17-Mainframes und Hybrid-Cloud-Technologien umfasse. Auch die Finanz Informatik habe ihren IBM-Vertrag für Mainframe-, Power- und Storage-Systeme verlängert.

Nitsche verbindet diese Konstellation mit der Frage nach digitaler Souveränität. Die technologische Abhängigkeit verschwinde im Verbundmodell aus ihrer Sicht nicht, da wesentliche Komponenten weiterhin von einem US-Anbieter stammten. Ähnliche Abhängigkeiten sieht sie bei europäischen Anbietern: Mambu werde vollständig aus der Cloud betrieben und nutze dafür AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Die Souveränitätsfrage verschiebe sich damit jeweils auf die darunterliegende Infrastrukturebene.

An dieser Stelle erscheint allerdings eine Differenzierung wichtig. Ein Mainframe ist zunächst Hardware und kein Cloud-Service. Der Einsatz eines IBM z17 in einem eigenen beziehungsweise vom Bankendienstleister kontrollierten Rechenzentrum schafft eine andere Form technologischer Abhängigkeit als der Betrieb einer Anwendung auf der Infrastruktur eines Hyperscalers. Für die Bewertung digitaler Souveränität spielen daher auch Betriebsmodell, Datenhaltung und die tatsächliche Kontrolle über die Infrastruktur eine Rolle. Allein die Herkunft des Technologieanbieters bildet diese Unterschiede nur unzureichend ab.

Modernisierung bleibt die eigentliche Aufgabe

Das Gedankenexperiment zeigt damit vor allem die unterschiedlichen Voraussetzungen von Neobanken und etablierten Instituten. Eine neu gegründete Bank kann Kernsystem, Cloud-Infrastruktur und Anwendungen weitgehend frei auswählen. Bestehende Finanzinstitute bewegen sich hierzulande dagegen in gewachsenen technischen und organisatorischen Strukturen, in denen zentrale Anwendungen, Verbunddienstleister und regulatorische Anforderungen eng miteinander verbunden sind.

KI-gestützte Werkzeuge erweitern dabei die Möglichkeiten zur Analyse und Modernisierung bestehender Anwendungen. Die zentrale Herausforderung bleibt der Umgang mit der über Jahrzehnte entstandenen Fachlichkeit und den zahlreichen Abhängigkeiten innerhalb dieser Landschaften. Das Bild einer Bank ohne Legacy IT liefert dafür einen interessanten Vergleichsmaßstab. Für etablierte Institute dürfte die entscheidende Aufgabe weiterhin darin liegen, ihre vorhandenen Systeme kontrolliert weiterzuentwickeln und neue Technologien in diese Landschaften zu integrieren. (td)