Mit der zunehmenden Verbreitung von Echtzeitzahlungen steigen die Anforderungen an die technische Infrastruktur von Banken. IBM sieht darin ein Argument für die Weiterentwicklung bestehender Mainframe-Systeme und positioniert insbesondere KI-gestützte Betrugserkennung, Resilienz und Datensouveränität als Gründe, den Core zu stärken statt ihn abzulösen.
Echtzeitzahlungen verändern nicht nur die Geschwindigkeit des Zahlungsverkehrs. Auch Prüfungen auf Betrug müssen innerhalb immer kürzerer Zeitfenster erfolgen. In einem Interview mit dem Fachportal The Paypers stellt Meredith Stowell, Vice President IBM Z Ecosystem, deshalb die Verbindung zwischen Real-Time Payments, künstlicher Intelligenz und Mainframe-Infrastruktur in den Mittelpunkt.
Nach Angaben Stowells berührten 87 Prozent der Kreditkartentransaktionen und 70 Prozent des finanziellen Transaktionswerts nach Volumen einen Mainframe. Banken, Zahlungsdienstleister und Versicherungen setzten die Systeme weiterhin für geschäftskritische Workloads ein, weil sie Skalierbarkeit, Resilienz und Sicherheit miteinander verbänden.
KI soll Betrug innerhalb der Transaktion erkennen
Für den Zahlungsverkehr ist vor allem Stowells Argumentation zur KI interessant. Statt Transaktionsdaten zunächst auf andere Systeme zu übertragen, solle die KI möglichst dort zum Einsatz kommen, wo die Daten bereits verarbeitet werden. IBM habe deshalb KI-Beschleuniger direkt in seine Systeme integriert.
Der aktuelle IBM z17 könne laut Stowell mehr als 450 Milliarden KI-Inferenzen pro Tag mit einer Latenz von einer Millisekunde verarbeiten. Damit sollen beispielsweise Modelle zur Betrugserkennung direkt innerhalb einer laufenden Transaktion eingesetzt werden können. Gerade im Zahlungsverkehr seien wenige Millisekunden entscheidend, weil zwischen dem Auslösen und der Autorisierung einer Zahlung bereits zahlreiche Prüfungen stattfinden.
Damit dreht IBM zugleich eine verbreitete Argumentation über Legacy-Systeme um: Neue Anforderungen wie Real-Time Payments und KI werden nicht als Anlass für die Ablösung des Mainframes dargestellt. Sie sollen vielmehr Investitionen in die bestehende Kerninfrastruktur begründen.
Auch Sicherheitsfunktionen stellt Stowell in diesen Zusammenhang. Verschlüsselung von ruhenden und übertragenen Daten sei auf der Plattform standardmäßig integriert. Als Beispiel für die Verbindung von Infrastruktur und Payment-Anwendungen nennt sie ACI Worldwide. Dessen Lösung zur Betrugserkennung laufe inzwischen auf der IBM-Plattform und könne deren Sicherheitsfunktionen nutzen.
Resilienz und Souveränität als Mainframe-Argumente
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die zunehmende Bedeutung von Resilienz und Datensouveränität. Für LinuxONE verweist Stowell unter anderem auf Confidential Computing: Sensible Workloads könnten in hardwaregeschützten Bereichen isoliert werden, sodass die darin verarbeiteten Daten auch für Nutzer mit privilegiertem Systemzugriff nicht einsehbar seien. Zudem könnten regulierte Daten durch entsprechende Installationsmodelle im jeweiligen Land gehalten werden.
Mit Blick auf die europäischen DORA-Anforderungen argumentiert Stowell zudem mit der hohen Verfügbarkeit des Mainframes. IBM beziffert diese mit 99,999999 Prozent. Rechnerisch entspreche das einer Ausfallzeit von lediglich rund 315 Millisekunden pro Jahr. Dem stellt Stowell typische Public-Cloud-Service-Level von 99,9 Prozent gegenüber, die eine jährliche Ausfallzeit von knapp neun Stunden erlauben würden.
Dieser Vergleich ist allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Er stammt von IBM selbst und stellt unterschiedliche Betriebs- und Service-Modelle stark vereinfacht gegenüber. Deutlich wird dennoch, wie IBM regulatorische Anforderungen an die operative Resilienz nutzt, um den Mainframe als strategische Infrastruktur für Finanzdienstleister zu positionieren.
Modernisierung ohne Ablösung des Core
Die übergeordnete These formuliert Stowell am Ende des Gesprächs ausdrücklich: Modernisierung bedeute nicht, den bestehenden Core herauszureißen. Stattdessen gehe es darum, eine vorhandene resiliente Basis zu stärken und neue Fähigkeiten – einschließlich KI – in diese Umgebung zu integrieren. Partner wie ACI Worldwide sollen darauf Anwendungen für Payments und KI bereitstellen.
Damit steht das Interview exemplarisch für eine Modernisierungsstrategie, bei der Mainframe-Systeme nicht lediglich weiterbetrieben werden. Bestehende Kernsysteme sollen vielmehr mit neuen Technologien verbunden und für zusätzliche Anforderungen weiterentwickelt werden. Gerade Real-Time Payments liefern dafür einen konkreten Anwendungsfall: Wenn Transaktionen und Betrugsprüfungen in immer kürzeren Zeitfenstern erfolgen müssen, gewinnt die Verarbeitung möglichst nahe an den bestehenden Transaktionsdaten an Bedeutung.
Einen zusätzlichen Ausblick auf diese Strategie liefert IBMs jüngste Prozessorankündigung. Wie das Legacy IT Center diese Woche berichtete, soll ein neuer Dual-Architecture-Prozessor künftig IBM-Z- und Arm-Anwendungen nativ auf denselben Prozessorkernen unterstützen. Ob der Chip bereits in einer möglichen z18-Generation zum Einsatz kommt, hat IBM bislang nicht bestätigt. Die Richtung passt jedoch zu Stowells Argumentation: Neue Cloud-native und KI-Workloads sollen näher an die bestehenden geschäftskritischen Anwendungen und Daten auf dem Mainframe rücken, statt dafür den Core grundsätzlich abzulösen.
IBM widerspricht der These vom Fachkräftemangel
Deutlich äußert sich Stowell auch zur Personalsituation. Die Annahme, es gebe zu wenig Interesse an Mainframe-Technologien und einen entsprechenden Fachkräftemangel, bezeichnet sie als verbreitete Fehlwahrnehmung. IBM investiere in Ausbildungsprogramme, Open-Source-Technologien und verbreitete Entwicklungswerkzeuge, um den Bedarf an spezialisierten Kenntnissen zu reduzieren. Als Beleg für das Interesse verweist sie unter anderem auf mehr als 400 Jobsuchende, die zum Zeitpunkt des Interviews über IBMs Mainframe Career Depot nach entsprechenden Stellen suchten.
Die Zahl allein widerlegt einen Mainframe-Fachkräftemangel allerdings nicht. Gerade für Banken und Versicherungen besteht die Herausforderung häufig nicht darin, grundsätzlich Interessierte für die Plattform zu finden, sondern ausreichend erfahrene Spezialisten für komplexe und über Jahrzehnte gewachsene Anwendungslandschaften zu gewinnen und Wissen beim Generationenwechsel zu erhalten.
Stowells Aussage zeigt dennoch einen wichtigen Teil der aktuellen Mainframe-Debatte: Soll der Core langfristig eine zentrale Rolle spielen, reicht die technische Modernisierung der Plattform nicht aus. Entscheidend ist ebenso, ob Unternehmen das dafür notwendige Know-how aufbauen und dauerhaft sichern können. (td)





