Beim Wissenstransfer im Mainframe-Umfeld geht es um deutlich mehr als das Vermitteln von Technologien oder das Erklären einzelner Tools. Wer hier nur auf Syntax, Befehle oder Oberflächen setzt, greift zu kurz. Der eigentliche Mehrwert entsteht dort, wo Zusammenhänge verstanden werden – und genau das ist die größte Herausforderung.
Mainframe-Systeme sind über Jahrzehnte gewachsen. Sie basieren auf stabilen, durchdachten Konzepten, die sich in der Praxis bewährt haben: klare Trennung von Verantwortlichkeiten, effiziente Transaktionsmodelle, hochoptimierte Laufzeitumgebungen und ein stark strukturierter Betrieb. Viele dieser Prinzipien sind jedoch nicht explizit dokumentiert. Sie stecken in den Köpfen erfahrener Kolleginnen und Kollegen – oft über Jahre aufgebaut, selten systematisch weitergegeben.
Genau hier setzt moderner Knowledge Transfer an.
Ein nachhaltiger Ansatz beginnt beim technischen Fundament. Neue Mitarbeitende müssen verstehen, wie zentrale Bausteine wie COBOL, JCL, Datenzugriffe oder Systeminteraktionen funktionieren. Dabei geht es nicht nur um Syntax, sondern um das Zusammenspiel dieser Komponenten im Alltag. Wer beispielsweise nicht nachvollziehen kann, wie ein Batch-Job über JCL gesteuert wird, wie Programme Daten lesen und schreiben oder wie Transaktionen verarbeitet werden, wird langfristig Schwierigkeiten haben, Fehler zu analysieren oder Anpassungen sicher umzusetzen.
Darauf aufbauend ist ein solides Architekturverständnis entscheidend. Mainframe-Systeme bestehen nicht aus isolierten Komponenten, sondern aus eng verzahnten Schichten. Anwendungen, Datenbanken, Transaktionssysteme und Betriebssystem greifen ineinander. Es ist wichtig zu verstehen, welche Prinzipien hinter dieser Struktur stehen, warum bestimmte Designentscheidungen getroffen wurden und wie sich Änderungen in einem Bereich auf andere Teile des Systems auswirken können. Erst dieses Verständnis ermöglicht es, Systeme nicht nur zu nutzen, sondern aktiv zu gestalten.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Verständnis von Betrieb und Prozessen. In vielen Organisationen laufen Batch-Verarbeitung, Online-Transaktionen und betriebliche Abläufe parallel und sind eng miteinander verzahnt. Wer neu in dieses Umfeld kommt, unterschätzt häufig, wie stark diese Bereiche voneinander abhängen. Es reicht nicht, einzelne Programme zu verstehen. Man muss erkennen, wie tägliche Verarbeitungszyklen, Zeitpläne, Abhängigkeiten und Betriebsprozesse zusammenspielen, um den stabilen Betrieb sicherzustellen.
Ergänzt wird das Ganze durch den historischen Kontext. Viele Entscheidungen im Mainframe-Umfeld wirken auf den ersten Blick ungewöhnlich oder überholt. In Wahrheit sind sie oft das Ergebnis konkreter Anforderungen, technologischer Rahmenbedingungen oder betrieblicher Notwendigkeiten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Wer diesen Kontext nicht kennt, läuft Gefahr, bestehende Lösungen vorschnell zu bewerten oder zu verändern. Ein Verständnis für die Historie hilft dabei, die heutigen Strukturen richtig einzuordnen und fundierte Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Ein besonders kritischer Punkt ist der Umgang mit implizitem Wissen. Vieles im Mainframe-Umfeld ist nicht dokumentiert, sondern basiert auf Erfahrung. Dieses Wissen muss aktiv gehoben werden, bevor es verloren geht. Das gelingt nicht durch klassische Dokumentation allein, sondern durch Austausch, Mentoring und praxisnahe Schulung.
Guter Knowledge Transfer bedeutet deshalb auch, Räume zu schaffen, in denen Fragen gestellt werden können. Es bedeutet, Komplexität nicht zu verstecken, sondern verständlich zu machen. Und es bedeutet, neue Kolleginnen und Kollegen schrittweise an echte Aufgaben heranzuführen – statt sie mit Theorie zu überladen.
Für Unternehmen ist das kein „Nice-to-have“, sondern eine strategische Notwendigkeit. Mainframe-Systeme tragen in vielen Organisationen weiterhin die geschäftskritischen Prozesse. Wenn das Wissen darüber verloren geht, entstehen nicht nur Effizienzprobleme, sondern echte Risiken im Betrieb.
Deshalb gilt: Wissen sichern heißt Zukunft sichern.
Mainframe Knowledge Transfer ist dann erfolgreich, wenn er mehr leistet als reine Wissensvermittlung. Er muss Denkweisen transportieren, Zusammenhänge erklären und Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Nur so entsteht die nächste Generation von Expertinnen und Experten, die diese Systeme nicht nur betreiben, sondern aktiv weiterentwickeln können.
Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet






