Wenn neue Funktionen auf alte Code-Module treffen, wird es in vielen IT-Teams schnell still. Änderungen an gewachsenen Komponenten gelten als riskant, schwer testbar und potenziell geschäftskritisch. Genau diesen Spannungsbogen greift Edvaldo Freitas von Kodus in einem aktuellen englischsprachigen Beitrag auf, der sich mit dem Umgang von Legacy-Code in modernen Anwendungen befasst.
Freitas beschreibt in seinem Beitrag für dev.to, dass in solchen Situationen häufig der Ruf nach einem vollständigen Neuschreiben des Systems laut werde. Ein solcher „Rewrite“ erscheine zwar verlockend, erweise sich in der Praxis aber meist als unrealistisch. Ein kompletter Neubau binde über lange Zeit Ressourcen, verzögere neue fachliche Funktionen und berge erhebliche Risiken. Zudem, so die Argumentation des Autors, gehe dabei wertvolles implizites Wissen verloren, das sich über Jahre im Code angesammelt habe – etwa im Umgang mit Sonderfällen oder historischen Entscheidungen.
Stattdessen plädiert Freitas für einen evolutionären Ansatz. Legacy-Code solle nicht als grundsätzliches Problem betrachtet werden, sondern als notwendiger Bestandteil gewachsener Systeme. Kritisch werde er erst dort, wo einzelne Module zum echten Engpass werden: wenn sie jede Änderung verzögern, regelmäßig Betriebsprobleme verursachen oder Sicherheitslücken nur mit großem Aufwand zu beheben sind. Entscheidend sei es daher, diese Engpässe gezielt zu identifizieren, anstatt zu versuchen, die gesamte Codebasis auf einmal zu modernisieren.
Plädoyer für schrittweise Weiterentwicklung von Bestandssystemen
Als praktikablen Weg beschreibt der Autor eine schrittweise Weiterentwicklung bestehender Systeme. Architekturmuster wie das sogenannte Strangler-Fig-Pattern würden es ermöglichen, neue Funktionalitäten kontrolliert neben bestehende Komponenten zu setzen und alte Teile nach und nach abzulösen – ohne riskante Big-Bang-Migrationen. Zentrale Voraussetzung dafür sei ein bewusster Umgang mit Schnittstellen zwischen alten und neuen Systemteilen. Dazu zählten klar definierte Interfaces, zusätzliche Abstraktionsschichten zur Abschottung komplexer Legacy-Logik sowie Tests, die das bestehende Verhalten zunächst dokumentieren, bevor Änderungen vorgenommen werden.
Freitas hebt zudem die Bedeutung von Transparenz im laufenden Betrieb hervor. Ohne aussagekräftiges Logging, Metriken und Monitoring arbeiteten Teams bei Änderungen an Legacy-Komponenten faktisch im Blindflug. Beobachtbarkeit sei daher kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für kontrollierte Weiterentwicklung.
Zusammengefasst propagiert der Autor ein dreistufiges Vorgehen: Zunächst müsse entschieden werden, wo der größte fachliche und technische Schmerz liege. Anschließend gelte es, den betroffenen Bereich klar abzugrenzen. Erst dann sollten neue Funktionen in kleinen, gut getesteten Schritten umgesetzt werden. Legacy-Modernisierung sei dabei kein Projekt mit klar definiertem Endpunkt, sondern eine dauerhafte Aufgabe.
Der Beitrag von Edvaldo Freitas macht deutlich, dass „modern“ kein stabiler Zustand ist. Auch heutige Architekturen würden mit der Zeit altern. Die eigentliche Herausforderung liege daher nicht im Ersetzen alter Systeme um jeden Preis, sondern darin, mit gewachsener Komplexität nachhaltig umzugehen und bestehende Software so weiterzuentwickeln, dass sie auch künftig Veränderung zulässt. (td)





