Die Diskussion um Datensouveränität hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Thema auf Vorstandsebene entwickelt. Regulatorische Anforderungen, geopolitische Entwicklungen und die zunehmende Abhängigkeit von globalen Technologieanbietern führen dazu, dass Unternehmen ihre Datenstrategien neu bewerten. In diesem Kontext dominieren häufig Themen wie Cloud-Adoption, Plattformökonomie und digitale Ökosysteme.
Auffällig ist jedoch, dass ein wesentlicher Bestandteil der bestehenden IT-Landschaft in vielen strategischen Überlegungen nur unzureichend berücksichtigt wird: der Mainframe und die darauf betriebenen geschäftskritischen Anwendungen.
Diese Lücke ist aus strategischer Perspektive nicht trivial.
Datensouveränität umfasst weit mehr als die Frage nach dem Speicherort von Daten oder der Auswahl von Infrastrukturpartnern. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, jederzeit die vollständige Kontrolle über seine Daten, deren Verarbeitung sowie die zugrunde liegenden Entscheidungslogiken sicherzustellen. Genau hier entfaltet der Mainframe seit Jahrzehnten seine Stärke. In zahlreichen Organisationen bildet er das Rückgrat zentraler Wertschöpfungsprozesse, insbesondere in hochregulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen, Versicherungen und öffentlicher Verwaltung.
Die eigentliche strategische Relevanz ergibt sich jedoch nicht allein aus der Plattform, sondern aus der darauf implementierten Geschäftslogik. Diese ist in vielen Fällen in Programmiersprachen wie COBOL, PL/I oder RPG abgebildet. Diese Technologien werden im öffentlichen Diskurs häufig als „Legacy“ kategorisiert, was ihrer tatsächlichen Bedeutung jedoch nicht gerecht wird.
Hochstabile Ausführungsschichten für geschäftskritische Prozesse
Vielmehr handelt es sich um hochstabile, über Jahrzehnte gewachsene Ausführungsschichten für geschäftskritische Prozesse. In ihnen sind regulatorische Anforderungen, unternehmensspezifische Entscheidungslogiken und operative Abläufe tief verankert. Diese Systeme gewährleisten nicht nur Verfügbarkeit und Performance, sondern auch Nachvollziehbarkeit und Compliance auf einem Niveau, das in vielen modernen Architekturen erst aufgebaut werden muss.
Ein zentraler Aspekt für Entscheidungsträger ist dabei besonders relevant: Datensouveränität manifestiert sich nicht ausschließlich auf Infrastrukturebene, sondern maßgeblich in der Kontrolle über die Datenverarbeitung. In vielen Unternehmen liegt genau diese Kontrolle in den bestehenden Anwendungssystemen auf dem Mainframe.

Strategien, die sich primär auf die Modernisierung von Plattformen konzentrieren, ohne die zugrunde liegende Geschäftslogik angemessen zu berücksichtigen, laufen Gefahr, wesentliche Steuerungsmechanismen aus der Hand zu geben. Die eigentliche Wertschöpfung und Differenzierung eines Unternehmens ist häufig direkt im Code dieser Systeme implementiert. Eine unreflektierte Transformation kann daher nicht nur technische Risiken, sondern auch geschäftliche und regulatorische Unsicherheiten mit sich bringen.
Gleichzeitig zeigt die Realität in den meisten Organisationen ein deutlich differenzierteres Bild als die oft vereinfachte Gegenüberstellung von „Legacy“ und „Cloud“. Mainframes sind heute integraler Bestandteil hybrider IT-Architekturen. Sie sind nahtlos in moderne Umgebungen eingebunden und arbeiten mit Cloud-Plattformen, APIs und digitalen Frontends zusammen. Diese Architekturansätze ermöglichen es, Innovation und Stabilität miteinander zu verbinden, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.
COBOL, PL/I und RPG mit strategischer Dimension
Vor diesem Hintergrund gewinnen auch COBOL, PL/I und RPG eine neue strategische Dimension. Sie sind nicht lediglich Relikte vergangener Technologieentscheidungen, sondern ein zentraler Bestandteil der operativen Resilienz und digitalen Souveränität. Sie sichern die kontinuierliche Ausführung geschäftskritischer Prozesse und bilden die Grundlage für verlässliche, skalierbare und auditierbare Systeme.
Für CEOs, CIOs und CISOs ergibt sich daraus eine klare Handlungsimplikation: Eine nachhaltige Souveränitätsstrategie erfordert einen ganzheitlichen Blick auf die IT-Landschaft. Infrastruktur, Datenhaltung und Verarbeitungslogik müssen gleichermaßen in die strategische Planung einbezogen werden. Eine isolierte Betrachtung einzelner Ebenen wird den komplexen Anforderungen moderner Unternehmen nicht gerecht.
Die Herausforderung besteht daher nicht in der vollständigen Ablösung bestehender Systeme, sondern in deren gezielter Weiterentwicklung und Integration. Ansätze wie API-basierte Öffnung, schrittweise Modernisierung und selektive Transformation ermöglichen es, bestehende Stärken zu bewahren und gleichzeitig neue Innovationspotenziale zu erschließen.
Mit bewusster Systemsteuerung zur Datensouveränität
Die oft implizit vertretene Annahme, dass Datensouveränität primär durch den Wechsel auf neue Plattformen erreicht wird, ist daher kritisch zu hinterfragen. Vielmehr entsteht Souveränität durch die Fähigkeit, bestehende Systeme bewusst zu steuern, ihre Logik zu verstehen und sie kontrolliert in moderne Architekturen zu überführen.
Die zentrale Erkenntnis ist dabei eindeutig: Organisationen, die den Mainframe und die darauf basierenden Anwendungssysteme in ihrer strategischen Ausrichtung vernachlässigen, riskieren, genau die Bereiche zu übersehen, in denen ihre sensibelsten Daten und geschäftskritischsten Prozesse verankert sind.
Der Mainframe ist in diesem Kontext kein Auslaufmodell, sondern ein stabiler, bewährter und strategisch relevanter Bestandteil moderner IT-Landschaften. In Kombination mit den darauf eingesetzten Technologien bildet er ein Fundament, das wesentlich zur Sicherstellung von Datensouveränität beiträgt.
Für die Unternehmensführung bedeutet dies, Datensouveränität nicht als rein technologische Fragestellung zu betrachten, sondern als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie. Nur durch ein tiefes Verständnis der bestehenden Systeme und deren gezielte Weiterentwicklung lässt sich langfristig die Kontrolle über Daten, Prozesse und Geschäftsmodelle sichern.
Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet






