Kernbankensysteme: Wie KI den Legacy-Core länger nutzbar macht

Müssen Banken ihre über Jahrzehnte gewachsenen Kernbankensysteme ersetzen, um KI-Agenten und neue digitale Anwendungen einsetzen zu können? Nicht unbedingt. Eine aktuelle Analyse von PYMNTS beschreibt, wie APIs, Middleware, das Model Context Protocol (MCP) und KI-Agenten zusätzliche Wege für die Anbindung bestehender Core-Systeme schaffen können. Auch McKinsey, AWS und TELUS Digital beschäftigen sich mit dieser Frage. Ihre Beiträge zeigen verschiedene technische Ansätze zwischen der Weiterentwicklung eines bestehenden Core und dessen vollständiger Ablösung.

Eine neue Schicht über dem Kernbankensystem

APIs und Middleware zur Entkopplung alter Kernbankensysteme sind nicht neu. KI-Agenten könnten diese Integrationsschicht nach Einschätzung von PYMNTS jedoch anders nutzen: Sie können vorhandene APIs aufrufen, Informationen aus mehreren Systemen zusammenführen und definierte Arbeitsschritte ausführen. Das Kernbankensystem kann dabei System of Record bleiben, während zusätzliche Logik außerhalb des Core angesiedelt wird.

Eine Rolle könnte dabei das Model Context Protocol (MCP) spielen. Über MCP lassen sich vorhandene Schnittstellen und Funktionen für KI-Agenten als Tools bereitstellen. Die Agenten greifen dabei nicht zwangsläufig unmittelbar auf das Kernbankensystem zu. Dazwischen können weiterhin API-Gateways, Authentifizierung, Berechtigungen und weitere Kontrollmechanismen liegen.

TELUS Digital beschreibt dazu eine Architektur mit einem Backend-for-Frontend beziehungsweise einer Orchestrierungsschicht zwischen Agent und Legacy-Core. Diese Schicht könne Zugriffe koordinieren, während bestehende Mainframe- und Transaktionssysteme weiterhin die eigentliche Verarbeitung übernehmen. MCP diene dazu, verfügbare Funktionen und Datenquellen kontrolliert für Agenten bereitzustellen. Agentic Banking müsse nach Einschätzung des Unternehmens deshalb nicht mit einem Austausch des Kernbankensystems beginnen.

Der PYMNTS-Beitrag nennt mit Computer Use eine weitere Möglichkeit. Dabei interagiert ein Agent mit der bestehenden Benutzeroberfläche einer Anwendung. Das könnte dort zum Einsatz kommen, wo Funktionen älterer Systeme nicht oder nur unvollständig über APIs erreichbar sind. Für Banken entstehen dabei zusätzliche Anforderungen an Berechtigungen, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle der ausgeführten Aktionen.

Was ist das Model Context Protocol (MCP)?

Das Model Context Protocol (MCP) fungiert als offener Standard wie ein universeller „USB-C-Anschluss“, der Sprachmodelle sicher mit externen Datenquellen und Tools verbindet. Es löst das komplexe N×M-Integrationsproblem, bei dem bisher für jede Kombination aus verschiedenen KIs und Werkzeugen eine eigene Schnittstelle programmiert werden musste. Durch das neue Client-Server-Prinzip reduziert sich dieser Aufwand radikal auf ein einfaches N+M-Prinzip, sodass jede KI und jedes Tool nur noch eine einzige Anbindung benötigt, um sofort im gesamten Ökosystem kompatibel zu sein.

Entkopplung als Modernisierungsweg

Damit gewinnt eine bereits etablierte Modernisierungsstrategie im Zusammenhang mit KI an Bedeutung: Funktionen werden schrittweise aus dem Kernsystem herausgelöst und über moderne Architekturschichten bereitgestellt.

McKinsey bezeichnet einen solchen Ansatz als „Core renovation with heavy decoupling“. Das bestehende Kernbankensystem könne dabei weiterlaufen, während beispielsweise Produktlogik, Pricing, Kanäle oder Entscheidungsfunktionen außerhalb des Core angesiedelt werden. API-basierte und ereignisgesteuerte Architekturen verbinden die einzelnen Komponenten. Auch KI-gestützte Entscheidungen könnten auf diese Weise außerhalb des eigentlichen Kernsystems stattfinden.

AWS stellt ebenfalls APIs und Event-Driven Architecture in den Mittelpunkt einer schrittweisen Core-Modernisierung. Ereignisse aus dem Kernbankensystem können dabei über Event-Streams anderen Anwendungen zur Verfügung gestellt werden, ohne diese unmittelbar an die interne Logik des Core zu koppeln. Nach Darstellung von AWS kann eine solche Architektur zugleich die Einbindung von KI-Agenten in Banking-Prozesse unterstützen.

KI arbeitet auch am Legacy-Code

KI kann zudem bei der Modernisierung der bestehenden Anwendungen eingesetzt werden. PYMNTS zufolge könnten Coding Agents Anwendungen analysieren, Integrationscode erzeugen sowie Daten-Mappings und Tests unterstützen. Bei großen und über Jahrzehnte gewachsenen Systemlandschaften könnten sie damit Teile der bislang manuellen Analyse- und Integrationsarbeit übernehmen.

McKinsey nennt ähnliche Einsatzfelder. Dazu gehören Code-Analyse und Refactoring, automatisierte Testgenerierung sowie Daten-Mapping und Reconciliation. AWS beschreibt darüber hinaus den Einsatz von KI, um Abhängigkeiten und Geschäftslogik umfangreicher Mainframe-Anwendungen zu analysieren und zu dokumentieren.

Der Core kann System of Record bleiben

Die technischen Herausforderungen eines alten Kernbankensystems verschwinden durch den Einsatz von KI nicht. Gleiches gilt für Probleme bei Datenqualität, proprietären Schnittstellen oder historisch gewachsenen Abhängigkeiten. Hinzu kommen neue Governance-Fragen: Banken müssen festlegen, welche Daten ein Agent lesen darf, welche Funktionen er aufrufen kann und bei welchen Aktionen eine menschliche Freigabe erforderlich ist.

Für die Modernisierung ergeben sich damit zusätzliche technische Optionen. Funktionen können aus dem Core herausgelöst und über APIs, Event-Architekturen und Orchestrierungsschichten bereitgestellt werden. KI-Agenten können auf diese Funktionen zugreifen, während das bestehende Kernbankensystem weiterhin als System of Record arbeitet.

Ob eine solche Architektur dauerhaft trägt, hängt vom Zustand des jeweiligen Kernbankensystems und den fachlichen Anforderungen der Bank ab. Ein Core Replacement wird durch KI nicht hinfällig. Die aktuellen Analysen zeigen jedoch mehrere technische Wege, mit denen Banken bestehende Kernbankensysteme schrittweise weiterentwickeln können. (td)