In einem Meinungsbeitrag für „The Register“ beschreibt der langjährige Tech-Autor Steven J. Vaughan-Nichols, warum sich bestimmte Technologien über Jahrzehnte hinweg behaupten konnten. Nach seiner Darstellung sind es gerade nicht die neuesten oder spektakulärsten Innovationen, die sich langfristig durchsetzen, sondern Lösungen, die als zuverlässig, weit verbreitet und tief in Geschäftsprozesse eingebettet gelten. Diese „langweiligen“ Technologien würden deshalb auch über das Jahr 2026 hinaus eine zentrale Rolle spielen.
Ein zentrales Beispiel ist für Vaughan-Nichols COBOL. Dabei stellt er ausdrücklich klar, dass der heutige Standard COBOL 2023 kaum noch mit der Sprache vergleichbar sei, an deren Entwicklung Grace Hopper in den Anfangsjahren beteiligt war. Zwar trage die Sprache noch denselben Namen, funktional und technisch habe sie sich jedoch grundlegend weiterentwickelt. Ähnliches gelte für Mainframes: Weder IBMs erster Mainframe aus dem Jahr 1952 noch das System/360 von 1965, das sich als wichtigste COBOL-Plattform etablierte, hätten viel mit heutigen Systemen wie dem IBM z17 gemeinsam. Dennoch zieht sich laut Vaughan-Nichols eine klare technologische Linie von diesen frühen Systemen bis zu den heutigen Plattformen. Computing bleibe zwar nie stehen, doch Kontinuität entstehe gerade durch permanente Weiterentwicklung unter vertrauten Namen.
Über COBOL und Mainframes hinaus nennt der Autor in seinem Beitrag weitere Technologien, denen er eine außergewöhnliche Lebensdauer zuschreibt:
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Programmiersprachen:
Neben COBOL verweist Vaughan-Nichols auf C, das aufgrund seiner Effizienz und Nähe zur Hardware weiterhin unverzichtbar für Betriebssysteme und systemnahe Software sei. SQL bleibe als Abfragesprache relationaler Datenbanken praktisch allgegenwärtig. Auch JavaScript und TypeScript hätten sich als dauerhafte Standards für Web- und Cloud-Anwendungen etabliert. -
Betriebssysteme und Werkzeuge:
Linux sieht der Autor als ein Beispiel für Software, die so tief in Rechenzentren, Cloud-Plattformen und Entwickler-Workflows verankert sei, dass ein Ablösen kaum vorstellbar erscheine. Gleiches gelte für klassische Werkzeuge wie Kommandozeilen-Shells, Versionsverwaltungssysteme oder etablierte Editoren. -
Cloud- und Plattformtechnologien:
Kubernetes ordnet Vaughan-Nichols nicht als kurzlebigen Hype ein, sondern als grundlegende Infrastrukturtechnologie, die sich als verbindende Schicht moderner IT-Architekturen durchgesetzt habe. -
Anwendungen und Dateiformate:
Selbst scheinbar unscheinbare Standards wie PDF oder DOC/DOCX führt der Autor als Beispiele für langlebige Technologien an. Ihre enorme Verbreitung und die Abhängigkeit ganzer Geschäftsprozesse von diesen Formaten machten einen schnellen Ersatz unrealistisch – unabhängig davon, wie viele Alternativen existierten.
Als übergreifendes Fazit hält Vaughan-Nichols fest, dass technologische Langlebigkeit weniger aus Innovationsdruck entsteht als aus Stabilität, offener Weiterentwicklung und breiter Akzeptanz. Gerade für Unternehmen mit komplexen und regulierten IT-Landschaften lasse sich daraus ableiten, dass bewährte Technologien nicht als Relikt der Vergangenheit zu verstehen seien, sondern als kontinuierlich weiterentwickelte Grundlage moderner IT-Systeme. (td)


