Von Spaghetti zu Lasagne: Warum ISO 20022 zur Architekturfrage wird

Die technische Migration auf ISO 20022 ist in den USA weitgehend abgeschlossen. Die Diskussionen auf der Nacha-Konferenz Smarter Faster Payments 2026 in San Diego zeigen jedoch, dass viele Banken nun vor einer anderen Herausforderung stehen: der Nutzung der neuen Datenstrukturen in historisch gewachsenen Systemlandschaften.

Den Ton der Debatte setzte nach Einschätzung von Finextra Jenny Lee, Head of US Wire Product bei Bank of America. Sie bezeichnete ISO 20022 als „das schwierigste Thema im Zahlungsverkehr heute“. Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei weniger die technische Umstellung selbst als die Frage, wie Banken den Mehrwert der zusätzlichen Daten künftig erschließen können.

Besonders deutlich wurde Frank Van Driessche, Head of ISO 20022 Practice bei Federal Reserve Financial Services. Laut Bericht von Payments Dive erklärte er, viele Banken würden auch nach der Migration „bestimmte Dinge genauso erledigen wie früher“, weil die notwendigen Änderungen in Backoffice-Systemen und Kernbankanwendungen nicht vorgenommen worden seien. Stattdessen hätten zahlreiche Institute ihre Systeme für die ISO-20022-Einführung lediglich um weitere Anpassungsschichten ergänzt.

Van Driessche warnte in diesem Zusammenhang ausdrücklich vor „Transformation, Translation und Truncation“. Solche Ansätze seien letztlich nur zusätzliche Schichten auf bestehenden Legacy-Systemen und keine echte Modernisierung. Sinngemäß hätten viele Banken ihre Systeme für die Migration lediglich „gepatcht“, anstatt die zugrunde liegende Architektur zu erneuern.

Vom Spaghetti-Teller zur Lasagne

Um die Situation zu verdeutlichen, verwendete Van Driessche folgenden Vergleich: Viele Banken stünden heute vor einem „großen Teller Spaghetti“ – einer über Jahre gewachsenen IT-Landschaft mit zahlreichen Abhängigkeiten und Schnittstellen. Um künftige Anforderungen effizient umsetzen zu können, müssten diese Strukturen schrittweise in eine „Lasagne“ verwandelt werden: eine klar geschichtete Architektur mit sauber voneinander getrennten Ebenen.

Nach Einschätzung des Panels entscheidet genau diese Architekturfrage darüber, ob Banken langfristig vom ISO-20022-Standard profitieren können. In stark fragmentierten Systemlandschaften fließe ein Großteil der Ressourcen in Wartung und technische Anpassungen. Moderne Architekturen würden dagegen deutlich mehr Spielraum für Innovation schaffen.

Eine bekannte Diskussion

Die Diskussion auf dem Smarter Faster Payments Forum dürfte europäischen Beobachtern bekannt vorkommen. Bereits in unseren Beiträgen „ISO 20022 offenbart die Schwachstellen der Banken-IT“ und „ISO 20022: Warum 97 Prozent Readiness nicht ausreichen“ wurde darauf hingewiesen, dass die eigentlichen Herausforderungen erst nach der technischen Migration sichtbar werden.

Die Aussagen der US-Marktakteure knüpfen direkt daran an: Nicht die Nachrichtenformate stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie neue Datenmodelle in historisch gewachsene Kernbanken-, Zahlungsverkehrs- und Backoffice-Systeme integriert werden können. Oder in seinem Bild gesprochen: Der Weg führt vom Spaghetti-System zur Lasagne-Architektur. (td)

Was ist die Nacha?

Die National Automated Clearing House Association (Nacha) ist eine US-amerikanische Branchenorganisation des Zahlungsverkehrs und verantwortet die Regelwerke für das ACH Network (Automated Clearing House), das Rückgrat für den elektronischen Austausch von Zahlungen und Zahlungsdaten in den Vereinigten Staaten. Über das Netzwerk werden jährlich Milliarden von Zahlungen zwischen Privatpersonen, Unternehmen und staatlichen Stellen abgewickelt, darunter Gehaltszahlungen (Direct Deposit), Lastschriften und Rechnungszahlungen (Direct Payment). Die Nutzung des ACH-Netzwerks erfolgt auf Basis der von Nacha definierten Nacha Operating Rules. Mit der Konferenz Smarter Faster Payments veranstaltet die Organisation zudem eines der wichtigsten Branchentreffen der US-Zahlungsverkehrsindustrie.