Ein Video des Modernisierungsspezialisten Heirloom Computing macht den bereits diskutierten Praxistest rund um Anthropic und dessen KI-Modell Claude im Detail nachvollziehbar.
Zu sehen ist, wie ein COBOL-Programm mit rund 300 Zeilen – ein bewusst einfach gewähltes Setup – auf Basis der von Anthropic vorgeschlagenen Prompts in Java überführen lässt. Der Umfang liegt damit deutlich unter realen Anwendungen, wie sie etwa in Banken oder Versicherungen üblich sind.
Im Anschluss wird das Modell aufgefordert, seine eigene Ausgabe zu bewerten. Gerade dieser Moment ist zentral: Im Video wird sichtbar, dass Claude das Ergebnis selbst relativiert und nicht als verlässliche Übersetzung einstuft.
Auch Marktreaktion relativiert sich
Die Diskussion um die Fähigkeiten von Claude hatte zwischenzeitlich auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung etablierter Anbieter wie IBM. Die Aktie reagierte kurzfristig auf die KI-Ankündigungen. Inzwischen hat sich der Kurs jedoch wieder erholt. Wie die Analysten der Bank of America einordnen, sprechen die Fundamentaldaten weiterhin für IBM. Die zwischenzeitliche Kursreaktion wird daher als Übertreibung des Marktes gewertet.
Stimmen aus der Praxis: Zwischen Hype und Realität
Derweil läuft die öffentliche Debatte um die COBOL-„Fähigkeiten“ von Claude auf LinkedIn weiter. So beschreibt Karishma Pandey vom IT-Dienstleister Nagarro die Möglichkeiten von Systemen wie Claude differenziert: KI könne zwar „30 Jahre alten COBOL-Code lesen, ohne daran zu verzweifeln“, fehlende Dokumentation nachträglich erzeugen oder bei Refactoring und Tests unterstützen. Gleichzeitig bleibe der Abstand zur Realität groß. Weder lasse sich „jahrzehntelang gewachsene Geschäftslogik über Nacht ersetzen“, noch könnten komplexe Umgebungen mit Batch-Verarbeitung, JCL oder Datenbanksystemen „in einem Prompt“ migriert werden – die oft implizite Vorstellung einer Transformation nach dem Muster „Ctrl+C → Ctrl+V → Deploy to Cloud“ greife deutlich zu kurz.
Vor diesem Hintergrund verweist Julia Kordick, Senior Software Global Black Belt bei Microsoft, auf die Dynamik der aktuellen Debatte: Die Reaktionen rund um Claude und selbst die Kursbewegungen bei IBM seien im Kontext eines sehr frühen Entwicklungsstadiums zu sehen. Entscheidend sei, „nur das zu glauben, was sich auch validieren lässt“. Denn die eigentlichen Herausforderungen blieben bestehen: Hardware-Kopplung, in Datenbanken eingebettete Geschäftslogik sowie operative und regulatorische Anforderungen. Ein Modell, das Java-Code generiert, löse diese Zusammenhänge nicht auf.
Ergänzend wird darauf hingewiesen, dass belastbare Beispiele aus realen Produktionsumgebungen bislang kaum sichtbar sind – ein Punkt, den auch Leonid Freiman von Logica-IT hervorhebt.
Der Blick in das Video macht damit vor allem eines deutlich: Zwischen den aktuellen Versprechen rund um KI-gestützte COBOL-Modernisierung und der praktischen Umsetzung besteht weiterhin eine spürbare Lücke – und sie lässt sich inzwischen nicht nur beschreiben, sondern konkret im Test nachvollziehen. (td)





