Dino Legacy Lessons von Uwe Graf

Tech-Debt-Alarmismus und das Märchen von zu geringen Investitionen

Der Artikel auf heise.de zeichnet ein vertrautes Bild: Unternehmen investieren angeblich zu wenig in IT, stecken den Großteil ihres Budgets in den Betrieb bestehender Systeme und wundern sich anschließend über wachsende technische Schulden. Das klingt eingängig, ist aber vor allem eines: stark vereinfacht.

Denn wer technische Schulden allein auf mangelnde Investitionen zurückführt, verwechselt Ursache und Symptom.

Technische Schulden sind kein Budgetproblem

Der Begriff „technische Schulden“ stammt aus der Softwareentwicklung und beschreibt die langfristigen Folgen technischer Entscheidungen, die kurzfristige Vorteile hatten. Er beschreibt keinen Kontostand und keine Budgetlücke. Technische Schulden entstehen durch Architekturentscheidungen, durch Zeitdruck, durch fehlende Tests und durch organisatorische Zwänge. Sie entstehen auch dann, wenn Geld vorhanden ist.

Mehr Budget verhindert keine schlechten Entscheidungen. Es verhindert keine unklaren Anforderungen. Es ersetzt keine technische Führung. Wer glaubt, technische Schulden ließen sich einfach wegfinanzieren, glaubt auch, dass man schlechte Baupläne mit mehr Beton kompensieren kann.

Die 80:20-Erzählung ist kein Beweis, sondern eine Behauptung

Die im Artikel zitierte Aufteilung von 80 Prozent Infrastruktur und 20 Prozent Innovation wird als Beleg für Fehlsteuerung präsentiert. In vielen Branchen ist diese Verteilung jedoch schlicht Realität. Kernsysteme müssen stabil laufen. Sie müssen sicher sein. Sie müssen regulatorische Anforderungen erfüllen. All das ist nicht optional!

Wartung ist kein Innovationsversagen. Wartung ist das Fundament, auf dem Innovation überhaupt erst möglich wird. Wer diese Realität ignoriert, verwechselt Wunschdenken mit Unternehmenspraxis.

Legacy-Systeme sind kein Zeichen von Rückständigkeit

Legacy-Systeme existieren nicht, weil Unternehmen nichts investieren. Sie existieren, weil sie funktionieren. Sie tragen Geschäftslogik, Prozesse und Datenmodelle, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Sie lassen sich nicht beliebig austauschen, ohne massive Risiken einzugehen.

Der reflexhafte Ruf nach Ablösung oder „mehr Innovation“ blendet diese Komplexität aus. Legacy-IT ist kein Museum. Sie ist das Rückgrat vieler Organisationen.

KI ist kein Wundermittel, aber auch kein Strohmann

Der Artikel weist darauf hin, dass KI technische Schulden nicht lösen könne. Diese Aussage ist in ihrer Absolutheit falsch. KI ersetzt keine Architekturarbeit und keine sauberen Entscheidungen. Sie kann aber sehr wohl helfen, Komplexität sichtbar zu machen, Code zu analysieren, Abhängigkeiten aufzudecken und Refactoring zu unterstützen. Wer KI entweder als Allheilmittel oder als völlig irrelevant darstellt, hat den Punkt verfehlt. KI ist ein Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger.

Technische Schulden entstehen dort, wo kurzfristige Ziele dauerhaft über Nachhaltigkeit gestellt werden. Sie entstehen dort, wo Verantwortung diffundiert. Sie entstehen dort, wo IT als Kostenstelle behandelt wird und nicht als integraler Teil des Geschäfts. Sie entstehen durch Organisation, nicht durch Kontostände.

Mehr Geld heilt keine strukturellen Defizite

Die Erzählung vom zu kleinen IT-Budget ist bequem. Sie entlastet Management, Organisation und Prozesse. Sie suggeriert, man müsse nur mehr investieren, um das Problem zu lösen. Die Realität ist unbequemer.

Technische Schulden sind kein Zeichen von Sparsamkeit. Sie sind ein Zeichen fehlender technischer Reife. Wer sie reduzieren will, braucht klare Prioritäten, saubere Architekturentscheidungen, realistische Planung und den Mut, Komplexität offen zu benennen. Oder anders gesagt: Wer glaubt, technische Schulden ließen sich allein mit mehr Geld beseitigen, glaubt auch, dass man ein schiefes Haus durch teurere Farbe gerade bekommt.

 

Über den Autor: Uwe Graf ist Lead Modernization Architect bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet