ISO 20022: Was die Release-Verschiebung für Banken-IT bedeutet

Mehr als 98 Prozent der Zahlungsanweisungen im SWIFT-Netz werden inzwischen im ISO 20022-Format übermittelt. Gleichzeitig waren zuletzt noch knapp 60 Prozent der übermittelten Adressen unstrukturiert. Die kurzfristige Verschiebung der für November geplanten Payments-Änderungen zeigt damit auch: Mit der Migration auf ISO 20022 ist die Arbeit an Daten, Systemen und Prozessen längst nicht abgeschlossen. Für Banken kommt nun eine zusätzliche Übergangsphase hinzu – während die eigentliche Aufgabe bleibt, den Mehrwert der strukturierten Daten in ihren IT-Landschaften zu heben.

Die Entscheidung kam rund zweieinhalb Monate vor dem geplanten Termin. Am 27. August teilte SWIFT mit, die für November vorgesehenen Payments-Änderungen des Standards Release 2026 zu verschieben. Damit fällt auch der bisherige Termin für den verpflichtenden Abschied von vollständig unstrukturierten Adressen. Einen neuen Termin gibt es bislang nicht. Man wolle zunächst Banken, Zentralbanken, Marktinfrastrukturen, Market Practice Groups und Unternehmen konsultieren und spätestens im Dezember über das weitere Vorgehen informieren.

Als Grund nennt SWIFT einen weltweit ungleichmäßigen Vorbereitungsstand der Finanzinstitute. Große Teile der Branche seien über alle Regionen hinweg noch nicht in der Lage, die neuen Anforderungen zu erfüllen. Mehrere Communities hätten deshalb SWIFT und ihre nationalen Zahlungsverkehrsinfrastrukturen formell um mehr Zeit gebeten.

Dabei ist die grundlegende Formatmigration bereits weit fortgeschritten: Nach Angaben von SWIFT werden mehr als 98 Prozent der Zahlungsanweisungen inzwischen im ISO 20022-Format versendet. Bei der Qualität und Strukturierung der darin enthaltenen Daten zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Die aktuellen SWIFT-Zahlen für Juli 2026 weisen bei Debtor-Adressen noch 58,3 Prozent und bei Creditor-Adressen 59,3 Prozent vollständig unstrukturierte Adressen aus.

Mehr als eine Änderung an der SWIFT-Schnittstelle

Die Hinweise des Zahlungsnetzwerks zur Adressumstellung machen deutlich, wie weit die dafür notwendigen Anpassungen in die IT-Landschaften der Institute reichen. Banken, die bislang unstrukturierte Adressdaten nutzen, müssten laut SWIFT ihre Systeme, Datenmodelle und Prozesse anpassen. Betroffen seien unter anderem bestehende Kundendaten und sämtliche Kanalanwendungen, über die strukturierte Adressinformationen erfasst und validiert werden. Auch Geschäftskunden müssten entsprechende Informationen in ihren ERP- und Treasury-Systemen vorhalten und an die Banken übertragen können.

Die Adressthematik ist damit ein Beispiel dafür, wie tief ISO 20022 in bestehende Daten- und Anwendungslandschaften hineinreicht. Eine technisch ISO 20022-fähige Payment Engine allein löst die Aufgabe nicht, wenn die erforderlichen Informationen in vorgelagerten Anwendungen fehlen oder über Schnittstellen nicht vollständig transportiert werden können.

Auch eine von Payment Expert aufgegriffene Untersuchung von RedCompass Labs deutet auf entsprechende Herausforderungen hin. Unter 308 befragten Payments-Verantwortlichen in Europa und Nordamerika seien 44 Prozent der Banken nicht auf Kurs für den bisherigen November-Termin gewesen. Im Durchschnitt seien 32 Prozent der Kundenadressdatensätze unstrukturiert gewesen.

Übergangsphase statt Verschnaufpause

Für Banken bedeutet die Verschiebung deshalb keineswegs automatisch weniger Arbeit. Institute, die ihre Verarbeitung bereits auf den ursprünglichen November-Termin vorbereitet haben, müssen nun länger mit vollständig unstrukturierten Adressen umgehen können.

Zahlungsverkehrsexperte Udo Browarczik sieht darin keinen Grund, die laufenden Arbeiten zurückzufahren. Er geht davon aus, dass der Zwang zur strukturierten Adresse vorübergehend gelockert werden könnte, während andere Änderungen – soweit möglich – umgesetzt werden. Banken sollten den bisherigen Zeitplan deshalb möglichst als internes Ziel beibehalten und gleichzeitig die zusätzliche Übergangssituation in ihren Planungen und Tests berücksichtigen.

Sein im Gespräch mit uns formulierter Ratschlag: „Until further notice: Kurs und Geschwindigkeit beibehalten.“ Angesichts der engen Zeit- und Testpläne sollten Banken nach seiner Einschätzung eher „noch eine Schippe drauflegen“, statt die Vorbereitungen zu verlangsamen.

Damit liegt seine Einschätzung nahe an der Empfehlung von SWIFT selbst. Die Organisation fordert Banken und Marktinfrastrukturen ausdrücklich dazu auf, die Einführung strukturierter Adressen fortzuführen. Bereits vorgenommene Anpassungen könnten schon heute genutzt werden, da strukturierte Adressinformationen über das SWIFT-Netz transportiert werden können.

Verschiebung reicht über Payments hinaus

Wie stark die verschiedenen Bereiche voneinander abhängig sind, zeigen die unmittelbaren Folgen der Entscheidung. Die Bank of England hat beispielsweise auch ihren für November geplanten RTGS Standards Release einschließlich der Änderungen für CHAPS verschoben. Als Begründung verweist sie auf die Bedeutung globaler Abstimmung und Interoperabilität. Auch in den USA hat die SWIFT-Entscheidung direkte Folgen: Der Federal Reserve Financial Services (FRFS) verschiebt den für November 2026 geplanten Release des Fedwire Funds Service gleich um ein Jahr auf November 2027.

Einen Überblick über die laufenden Reaktionen bietet die ISO-20022-Chronologie auf 20022.info.

Für Banken können unterschiedliche Zeitpläne zusätzliche Komplexität erzeugen. Das gilt beispielsweise, wenn eine grenzüberschreitende CBPR+-Zahlung eingeht und anschließend über SEPA weiterverarbeitet wird, dort aber andere Anforderungen an die Adressdaten gelten. Auch die TARGET Releases und die dort vorgesehenen ISO-20022-Anpassungen sind eng mit dem gemeinsamen Entwicklungsstand von CBPR+ und HVPS+ verzahnt.


Die AMI-Pay beriet im Eurosystem bereits vor der SWIFT-Entscheidung über die Adressumstellung. Anlass war eine Forderung europäischer Marktteilnehmer nach einem sicheren Übergang, während andere Regionen noch nicht ausreichend vorbereitet seien. (Quelle: EZB/Eurosystem)

Die Auswirkungen reichen über den reinen Zahlungsverkehr hinaus. Wie DPS in einer ersten Analyse der SWIFT-Entscheidung berichtet, dürfte der nächste Schritt bei Exceptions & Investigations (Zahlungsverkehrsreklamationen) mit camt.110 und camt.111 in das erste Quartal 2027 rücken.

Kapitalmarkt-Projekt T+1 auch tangiert

Auch der Kapitalmarkt mit der geplanten Verkürzung des Wertpapierabwicklungszyklus auf einen Tag (T+1) ist betroffen. „Die von der strukturierten Adresse unabhängigen Anpassungen im Zusammenhang mit dem Großprojekt T+1 werden ebenfalls in das erste Quartal 2027 verschoben“, erklärt Ulrike Uitz, Partnerin bei DPS. Dies könne zu Verzögerungen in laufenden Projekten führen, die mit den neuen Strukturen bereits ab November 2026 geplant hätten.

Gerade dieser Effekt zeigt, welche Reichweite Änderungen an zentralen Release-Zyklen haben können. Betroffen sind nicht nur einzelne Nachrichtenformate, sondern Planungen, Tests, Schnittstellen und Projekte in unterschiedlichen Fachbereichen.

Der größere Schritt steht noch bevor

Die aktuelle Verschiebung trifft die Banken zudem in einer Phase, in der sich die Diskussion um ISO 20022 bereits von der reinen Migration zur Nutzung der neuen Daten verschiebt.

Darauf hatte auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hingewiesen. Wie wir im April im Legacy IT Center berichteten, würden Like-for-like-Umsetzungen, geringe Datenqualität, fortbestehende MT-Logiken und fehlende Systemmodernisierung verhindern, dass die Vorteile strukturierter Daten vollständig genutzt werden. Potenziale für Straight-through Processing blieben dadurch ebenso ungenutzt wie mögliche Verbesserungen bei grenzüberschreitenden Zahlungen und Compliance-Prozessen.

Ähnlich äußerte sich zuletzt das Financial Stability Board. ISO 20022 sei bei RTGS- und schnellen Zahlungssystemen inzwischen weit verbreitet. Entscheidend sei nun, die strukturierten Daten durchgängig etwa für Screening, Reconciliation und Fraud Analytics einzusetzen. Insbesondere beim AML/CFT-Screening würden die Möglichkeiten der umfangreicheren Daten bislang noch nicht vollständig ausgeschöpft.

SWIFT selbst verbindet die strukturierten Adressdaten mit genau solchen Zielen: bessere Identifikation von Zahlungspartnern, effektivere Sanktions- und AML-Prüfungen, weniger manuelle Eingriffe und höhere STP-Raten sowie bessere Voraussetzungen für Automatisierung, Analytics und Fraud Detection.

Damit wird auch der Unterschied zwischen Formatmigration und Datentransformation deutlich. Dass mehr als 98 Prozent der Zahlungsanweisungen bereits ISO 20022 nutzen, bedeutet noch nicht, dass die Möglichkeiten des Standards über die gesamte Verarbeitungskette ausgeschöpft werden.

Gerade in über Jahrzehnte gewachsenen Banken-IT-Landschaften kommt es deshalb darauf an, ob bestehende Datenmodelle, Kernanwendungen, Kundenkanäle und Schnittstellen die zusätzlichen Informationen aufnehmen und ohne Informationsverlust weiterreichen können. Das Alter einer Anwendung ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Entscheidend ist, ob sie die neuen Datenstrukturen verarbeiten und für die nachgelagerten Prozesse verfügbar machen kann.

Das verschobene Release ist damit mehr als eine weitere (von zahlreichen) Terminänderungen im ISO-20022-Kalender. Es dokumentiert, dass die technische Migration weit fortgeschritten ist, die Transformation der dahinterliegenden Daten- und Prozesslandschaften aber noch lange nicht abgeschlossen ist. Genau dort entscheidet sich letztlich, ob Banken aus ISO 20022 mehr machen als ein neues Nachrichtenformat. (td)