97 Prozent ISO-20022-Readiness am ersten Tag des Cutovers – diese Zahl steht sinnbildlich für den erfolgreichen Übergang in die neue Nachrichtenwelt beim Zahlungsnetzwerk SWIFT. Doch wie aussagekräftig ist sie tatsächlich? Dieser Frage geht ein aktueller Beitrag von „Finance Magnates“ nach.
Seit November 2025 akzeptiert SWIFT im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ausschließlich ISO-20022-Nachrichten. Formal ist die MT-Ära beendet. Technisch funktioniert der neue Standard – zumindest auf den ersten Blick.
Doch die von SWIFT kommunizierte Quote misst in erster Linie die Formatumstellung. Sie zeigt, dass Institute ISO-20022-Nachrichten senden können. Ob diese strukturierten Daten intern auch verarbeitet und genutzt werden, bleibt offen. Genau hier setzt die Kritik an.
Mehrwert geht im Rückübersetzungsprozess verloren
Viele Banken arbeiteten weiterhin mit Konvertierungslösungen: ISO-Messages werden empfangen und anschließend in alte MT-Strukturen zurückübersetzt, damit bestehende Kern- und Back-Office-Systeme stabil weiterlaufen. Das reduziert kurzfristig Risiken, verhindert jedoch, dass die erweiterten Datenfelder ihre Wirkung entfalten. Strukturierte Adressen, zusätzliche Referenzen oder granularere Zahlungsinformationen verlieren im Rückübersetzungsprozess ihren Mehrwert. Der Beitrag spricht in diesem Zusammenhang von einer „Translation trap“.
Dass die Finanzbranche sich dieser Herausforderung bewusst ist, zeige auch eine Umfrage von TIS (Treasury Intelligence Solutions). Dort rangieren System-Readiness und Datenqualität ganz oben auf der Sorgenliste rund um ISO 20022; während die Gefahr unmittelbarer Zahlungsstörungen den letzten Platz einnimmt. Die operative Stabilität scheint also weitgehend gegeben. Die eigentliche Baustelle liegt im Inneren der Institute.
Strategisches Potenzial des MX-Formats
Gleichzeitig wird ISO 20022 zunehmend als strategisches Potenzial verstanden. In einem Kommentar für Electronic Payments International beschreibt Matija Novak, Head of Operations bei Neo, die Migration als ein „neues strategisches Chancenfeld“. Der Standard eröffne Möglichkeiten für präzisere AML- und Fraud-Analysen, neue datenbasierte Services und bessere Interoperabilität – etwa im Umfeld digitaler Währungen oder tokenisierter Zahlungsformen. Voraussetzung sei jedoch, dass Institute die strukturierten Informationen nicht nur transportieren, sondern systemseitig nutzbar machen.
Diese Beiträge beschreiben damit ein Spannungsfeld, das wir im Legacy IT Center bereits mehrfach thematisiert haben. In unserem Beitrag „ISO 20022: Lackmustest für Legacy IT der Banken“ wurde deutlich, dass das XML-Nachrichtenformat weniger ein Nachrichtenprojekt als vielmehr ein Architekturthema ist. Der Standard entfaltet seinen Nutzen nur dann, wenn Datenmodelle, Prozesse und Systeme entsprechend ausgerichtet sind.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen weiter: Validierungsregeln werden verschärft, strukturierte Daten zunehmend verpflichtend. Übergangslösungen werden dadurch weniger tragfähig.
Die eigentliche Herausforderung liegt somit nicht im Versand von MX-Nachrichten, sondern in der Modernisierung der dahinterliegenden IT-Landschaft. Gewachsene Zahlungsverkehrssysteme sind robust und geschäftskritisch, aber häufig nicht für eine datengetriebene Logik konzipiert. ISO 20022 macht diese strukturellen Grenzen sichtbar. Der Cutover war ein notwendiger Schritt. Ob er auch zum Modernisierungsschub wird, entscheidet sich jetzt in den Systemkernen der Banken, nicht auf der Netzwerkebene. (td)





