Interview mit Tom Liechti: „Junge Leute haben kein Problem mit COBOL“

Wie lässt sich klassische COBOL-Entwicklung für junge IT-Talente attraktiv gestalten? Im Gespräch mit Tom Liechti, langjährigem COBOL-Experten und Community Lead bei der Schweizer Großbank UBS, geht es um den Nachwuchs im Mainframe-Umfeld, um realistische Erwartungen an Ausbildungsprogramme – und um die Frage, wie sich stabile Kernsysteme mit zeitgemäßen Entwicklungsansätzen verbinden lassen.

Tom, wir duzen uns in diesem Interview – auch deshalb, weil du im Vorgespräch erklärt hast, dass bei der UBS das Du über alle Hierarchieebenen hinweg konsequent gelebt wird. Du bist zudem der erste Gesprächspartner unserer Interviewreihe aus der Schweiz. Wenn man auf den Einsatz des Mainframes blickt: Gibt es aus deiner Sicht Besonderheiten im Schweizer Markt im Vergleich zu Deutschland?

Aus meiner Sicht liegt der Hauptunterschied im Networking. Mainframe Anwender in Deutschland sind untereinander viel stärker vernetzt als wir in der Schweiz. Das zeigt sich jeweils an den IT Konferenzen mit Schwerpunkt Mainframe. Die Mainframe Kunden aus Deutschland kennen sich und tauschen sich gerne auch untereinander aus. Dieses Community-Verständnis fehlt noch in der Schweiz.

Du arbeitest seit vielen Jahren auf dem Mainframe und bist heute auch Community Lead COBOL bei der Bank. Wie bist du selbst zu diesem Themenfeld gekommen, und wie hat sich dein Rollenverständnis im Laufe der Zeit entwickelt?

Ich bin vor 25 Jahren als Quereinsteiger in der IT gelandet. Damals habe ich COBOL auf dem Mainframe gelernt und bin sowohl der Plattform wie auch der Programmiersprache treu geblieben. Anfangs der 2000er wurde uns Entwicklern noch das baldige Ende von COBOL und Mainframe prophezeit mit der Empfehlung, uns möglichst bald weiterzubilden. Heute wissen wir, dass Mainframe nach wie vor eine große Daseinsberechtigung hat, gerade bei den Themen Security, Stabilität und Performance.

Die UBS bildet seit vielen Jahren gezielt junge Menschen im Mainframe-Umfeld aus. Welche Bedeutung hat das Thema Nachwuchsausbildung heute innerhalb der Bank?

Interne Nachwuchsbildung ist essentiell, da der Fachkräftemangel im Bereich Mainframe Expertise offensichtlich ist. Mainframe ist leider kein Thema an öffentlichen Universitäten.

Mit IT-way-up gibt es bei der UBS ein Programm, das sich gezielt an junge Leute und Quereinsteiger richtet und den Einstieg in die Programmiersprache COBOL ermöglicht. Was ist aus deiner Sicht der Kern dieses Programms, und welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Der Kern des Programms ist, dass wir den jungen Leuten die Möglichkeit geben, einen eidgenössischen Fachausweis als Applikationsentwickler/in zu erwerben, d.h. anerkannt in der ganzen Schweiz. Anstatt wie üblich Java fokussieren wir uns gezielt auf COBOL und IBM Mainframe als Plattform. Die Erfahrungen sind sehr gut. Junge Leute haben kein Problem mit COBOL oder Mainframe, ganz im Gegenteil. Die „Lesbarkeit“ von COBOL wird sehr geschätzt. Es ist eine ideale Sprache, um den Einstieg in IT zu erleichtern.

Mit Blick auf den deutschen Markt: Kann dieses Ausbildungsmodell aus deiner Sicht als Vorbild dienen? Und was müssten Banken in Deutschland mitbringen, um ein vergleichbares System erfolgreich aufzusetzen?

Es braucht vor allem Investment und Geduld. Investment, weil eine Ausbildungs-Organisation aufgebaut werden muss, welche so attraktiv ist, dass die jungen Leute unbedingt diese Ausbildung machen wollen. Das heißt, es muss ein zumindest national anerkanntes Diplom ausgestellt werden beim Abschluss dieser Ausbildung. Das geht halt nicht eben so im „Hobby-Betrieb“.

Geduld, weil man damit rechnen muss, dass nicht alle Absolventen nach der Ausbildung in der Firma bleiben wollen.

Du hast in unserem Vorgespräch betont, dass es nicht nur um Ausbildung, sondern auch um das langfristige Umfeld für Entwickler geht. Wie schafft es die UBS, das Arbeiten als COBOL-Entwickler auch heute attraktiv zu gestalten?

Wir bleiben auch für die jungen COBOL-Entwickler sehr attraktiv, weil wir das Beste aus beiden Welten kombinieren. COBOL/Mainframe als stabiles Rückgrat der Kernsysteme von Großkonzernen UND moderne Software Entwicklung mit Hilfe von agilen Methoden wie DevOps, Git als Source Code Management und „state-of-the-art“ Code Editoren wie Visual Studio Code.

Vielen Dank für das Gespräch! (td)

 

Kurzvita – Tom Liechti

Tom Liechti ist seit 2001 bei der UBS tätig. Er startete seine Karriere als Software Engineer und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten im Mainframe-Umfeld. Heute ist er Executive Director, COBOL Developer und Trainer sowie Community Lead COBOL. Darüber hinaus trägt er den Titel UBS Distinguished Engineer. Für seine fachliche Expertise und sein Engagement wurde er 2025 als IBM Champion ausgezeichnet.

Über die UBS

UBS ist ein führender und globaler Wealth Manager sowie die führende Universalbank in der Schweiz. Sie verfügt zudem über ein diversifiziertes Angebot im Asset-Management und fokussierte Kapazitäten im Investment-Banking. Durch personalisierte Beratung, Lösungen und Produkte hilft UBS den Kundinnen und Kunden, ihre finanziellen Ziele zu erreichen. UBS hat ihren Hauptsitz in Zürich und ist in mehr als 50 Ländern präsent.