Open Source und Mainframe galten lange als Gegensätze. Doch zunehmend zeigt sich, dass beide Welten zusammenwachsen und neue Impulse für moderne IT-Architekturen liefern. Im Gespräch erklärt Sarah Kriesch, Senior Lead Mainframe Architect – Open Source bei Kyndryl, wie sich Open Source auf dem Mainframe etabliert, wo die Grenzen liegen und warum gerade die Kombination aus Stabilität und Offenheit an Bedeutung gewinnt. Als langjährige Open-Source-Aktivistin und engagiertes Mitglied der Community bringt sie dabei nicht nur technologische, sondern auch organisatorische Perspektiven in die Diskussion ein.
Frau Kriesch, wie sind Sie zum Thema Open Source auf dem Mainframe gekommen?
Mein Weg in die IT war nicht geradlinig. Ich habe meine Ausbildung zur Fachinformatikerin ohne große Vorkenntnisse begonnen und dabei zunächst wenig Unterstützung erfahren. Wirklich geprägt haben mich dann Open-Source-Communities wie openSUSE, die mich fachlich aufgebaut und gefördert haben. Über ein Mainframe-Summercamp vom Academic Mainframe Consortium bin ich schließlich mit der Plattform in Kontakt gekommen und habe erkannt, dass dort ebenfalls Linux und Open Source eine Rolle spielen. Daraus entstand auch meine Bachelorarbeit zu Kubernetes auf dem Mainframe – und letztlich mein heutiger Schwerpunkt.
Was bedeutet Open Source auf dem Mainframe konkret – und warum ist das Thema aktuell relevant?
Open Source ist ein zentraler Hebel für Modernisierung, Automatisierung und DevOps auf dem Mainframe. Unternehmen können damit bestehende Systeme effizienter betreiben und gleichzeitig neue Technologien integrieren. Statt ausschließlich auf proprietäre Lösungen zu setzen, entsteht die Möglichkeit, vorhandene Open-Source-Komponenten gezielt zu kombinieren und so nachhaltige, zukunftsfähige Architekturen aufzubauen. Gerade im Kontext von Hybrid Cloud und Digitaler Souveränität und steigenden Innovationsanforderungen gewinnt das deutlich an Bedeutung.
Wo wird Open Source auf dem Mainframe heute bereits eingesetzt – auch in regulierten Branchen?
Das Thema ist branchenübergreifend angekommen. Banken und Versicherungen setzen Open Source ebenso ein wie Industrieunternehmen. Allerdings geschieht das selten „direkt von Upstream“, sondern fast immer in Kombination mit Enterprise-Support-Modellen. Hintergrund sind regulatorische Anforderungen: Unternehmen müssen sicherstellen, dass Betrieb, Wartung und Support klar geregelt sind. Deshalb entstehen rund um Open Source kommerzielle Angebote, bei denen spezialisierte Anbieter Verantwortung für bestimmte Komponenten übernehmen.
Welche konkreten Vorteile sehen Sie – technologisch und wirtschaftlich?
Open Source bringt mehrere Vorteile zusammen: Stabilität, kontinuierliche Weiterentwicklung und vor allem Innovationsfähigkeit. Durch die globale Community entstehen neue Ideen und Lösungsansätze, die nicht an die Roadmap eines einzelnen Herstellers gebunden sind. Gleichzeitig können Kosten gesenkt werden – etwa im Vergleich zu klassischen, proprietären Softwarelösungen. Allerdings muss man fairerweise sagen: In professionellen Umgebungen entstehen weiterhin Kosten, etwa für Support oder Integration. Der Vorteil liegt eher in Flexibilität und Wettbewerb als in „kostenloser Software“. Allerdings sind die Betriebskosten am Ende meistens wesentlich niedriger als bei „rein kommerzieler“ Software.

Sarah Kriesch mit Elizabeth K. Joseph von IBM auf der IBM TechXChange 2025 in Orlando
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hürden bei der Einführung von Open Source auf dem Mainframe?
Die größten Hürden sind häufig weniger technischer als organisatorischer Natur. Gerade in regulierten Unternehmen führen Compliance-Anforderungen und interne Freigabeprozesse dazu, dass sich die Einführung von Open-Source-Komponenten über Monate ziehen kann. Dazu kommt eine gewisse Skepsis gegenüber Community-getriebener Entwicklung, die erst überwunden werden muss. Technisch gibt es ebenfalls Herausforderungen, etwa wenn proprietäre Komponenten nicht vollständig mit Open-Source-Lösungen kompatibel sind.
Was bedeutet das im nächsten Schritt für Strategie und Unternehmenskultur?
Unternehmen müssen zunächst klären, ob sie den Weg der Modernisierung konsequent gehen wollen, und ob die notwendigen Kompetenzen vorhanden sind oder aufgebaut werden können. Gleichzeitig braucht es einen kulturellen Wandel: hin zu mehr Offenheit, stärkerer Zusammenarbeit und einem engeren Zusammenspiel von Entwicklung und Betrieb. DevOps und Automatisierung spielen dabei eine zentrale Rolle, sollten aber sinnvoll in bestehende Strukturen integriert werden. Entscheidend ist, den Wandel nicht zu erzwingen, sondern schrittweise umzusetzen und bestehendes Wissen mitzunehmen, wie auch auszubauen.
Wie lässt sich das Thema Sicherheit in diesem Kontext einordnen?
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Open Source per se unsicher sei. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall: Durch die Vielzahl an Beteiligten werden Schwachstellen durch gegenseitigem Review schneller erkannt und behoben. Gleichzeitig braucht es in regulierten Umfeldern zusätzliche Absicherung, etwa durch Zertifizierungen oder geprüfte Distributionen. Die Herausforderung liegt daher weniger in der Technologie selbst als in der Akzeptanz und im Vertrauen in die dahinterliegenden Prozesse.
Spricht man über gewachsene IT-Infrastruktur, kommt meist das Thema Fachkräftemangel auf. Kann Open Source den Mainframe für neue Entwicklergenerationen öffnen?
Ja, und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Durch Technologien wie Python, Java oder moderne Toolchains, sowie Lösungen wie Zowe können Entwickler mit vertrauten Werkzeugen arbeiten. Sie müssen sich nicht mehr ausschließlich mit klassischen Mainframe-Oberflächen beschäftigen. Dadurch wird der Einstieg deutlich erleichtert und der Mainframe insgesamt zugänglicher.
Ist Open Source auf dem Mainframe eher eine Ergänzung oder echte Zukunftsperspektive?
Aus meiner Sicht ist es klar ein Zukunftsthema. Open Source ermöglicht es, den Mainframe stärker in hybride Architekturen einzubinden und ihn als Teil moderner Plattformen weiterzuentwickeln. Aktuell liegt der Schwerpunkt noch auf Integrations- und Innovationsschichten, während der Transaktionskern weitgehend proprietär bleibt. Langfristig wird sich das aber weiter annähern.
Gibt es ein Thema, über das aus Ihrer Sicht noch zu wenig gesprochen wird?
Ja, die Rolle der Community wird oft unterschätzt. Viele Grundlagen für Enterprise-Lösungen entstehen nicht bei großen Anbietern, sondern in Community-Projekten. Gerade Linux-Distributionen und Upstream-Projekte liefern wichtige Vorarbeit, auf der kommerzielle Angebote aufbauen. Diese Innovationsbasis wird häufig nicht ausreichend sichtbar gemacht. Hier sind auch viele Entwickler aktiv, die in ihrer Freizeit beitragen.
Wenn sich Developer oder Unternehmen stärker einbringen wollen – wo sollten sie ansetzen?
Ein zentraler Anlaufpunkt im Mainframe-Bereich ist das Open Mainframe Project, etwa rund um Projekte wie Zowe oder zOpen Tools. Wer tiefer auf Betriebssystemebene einsteigen möchte, kann sich in Community-Distributionen wie openSUSE, Debian oder Fedora engagieren. Diese Communities sind offen organisiert und spielen eine wichtige Rolle dabei, neue Technologien zu entwickeln und für den Einsatz auf dem Mainframe vorzubereiten. Ein Mal im Monat trifft man sich online zum Austausch über die Linux Distributions Working Group beim Open Mainframe Project.
Vielen Dank für das Gespräch! (td)
Kurzvita – Sarah Kriesch
Sarah Kriesch ist Senior Lead Mainframe Architect Open Source bei Kyndryl und verantwortet dort unter anderem Themen rund um Open Source, Hybrid-Cloud-Architekturen und Containerisierung auf dem Mainframe. Zuvor war sie in leitenden Rollen bei Accenture sowie MAN Truck & Bus tätig und sammelte früh praktische Erfahrung bei IBM. Kriesch engagiert sich aktiv in der Open-Source-Community, unter anderem im Open Mainframe Project, wo sie die Linux Distributions Working Group leitet, sowie als Vertreterin bei Bitkom und Women in Tech Global. Für ihr Engagement wurde sie als IBM Champion 2026 ausgezeichnet.

Sarah Kriesch auf der SUSECON 2026 in Prag

Gruppenfoto von der openSUSE Conference 2023

Gruppenfoto GSE zTalents





