Dass E-Mail heute überhaupt als mögliche Legacy IT diskutiert wird, hat weniger mit ihrer technischen Substanz zu tun als mit einem tiefgreifenden Wandel der Zusammenarbeit in Unternehmen. Kollaboration verlagert sich zunehmend in digitale Arbeitsräume, in denen Kommunikation, Dateien und Prozesse in Echtzeit zusammengeführt werden.
Plattformen wie Microsoft Teams, Slack oder vergleichbare Werkzeuge prägen inzwischen den Arbeitsalltag – intern ebenso wie in der Zusammenarbeit mit Partnern. Vor diesem Hintergrund erscheint E-Mail vielen als Relikt einer früheren Arbeitsweise: asynchron, dokumentenlastig und vermeintlich schlecht integrierbar in moderne Workflows. Diese Wahrnehmung bildet den Nährboden für die Frage, ob E-Mail nicht längst zur Legacy IT zählt.
Ein Meinungsbeitrag auf Security Boulevard widerspricht dieser Sichtweise jedoch ausdrücklich. Dort wird argumentiert, dass E-Mail weniger als Anwendung, sondern vielmehr als digitale Infrastruktur zu verstehen sei. Sie bilde nach wie vor das verbindende Element zwischen Organisationen, Systemen und Identitäten – gerade dort, wo Kollaborationstools an ihre Grenzen stoßen. E-Mail erfülle weiterhin zentrale Funktionen bei formeller Kommunikation, bei Compliance-relevanten Prozessen sowie als Rückgrat für Benachrichtigungen, Freigaben und Nachweise.
Warum Wahrnehmung und Realität auseinanderfallen
Der Beitrag macht zugleich deutlich, dass moderne Kollaborationstools E-Mail nicht ersetzt, sondern ihre Rolle verschoben hätten. Während Chats und Kanäle für informelle, schnelle Abstimmungen genutzt würden, bleibe E-Mail das stabile Bindeglied über Organisations- und Systemgrenzen hinweg. Die Einstufung als Legacy IT entstehe daher vor allem aus dem Vergleich mit neuen Arbeitsmodellen – nicht aus objektiven technischen Defiziten.
Diese Differenzierung findet sich auch in deutschsprachigen Fachbeiträgen wieder. Im Blog des E-Mail-Anbieters BlueMind wird E-Mail zwar als historisch gewachsenes System beschrieben, zugleich aber als „Legacy“ im positiven Sinne eines bewährten Fundaments. Entscheidend sei nicht das Alter der Technologie, sondern die Frage, ob sie aktiv weiterentwickelt, integriert und sicher betrieben werde.
Ähnlich argumentiert ein Beitrag auf CRM Now. Dort wird betont, dass E-Mail-Infrastrukturen insbesondere dann als problematisch wahrgenommen würden, wenn sie isoliert betrieben und nicht an moderne Sicherheits- und Identitätskonzepte angebunden seien. Wo Unternehmen E-Mail strategisch managen, bleibe sie ein leistungsfähiger Bestandteil der IT-Architektur.
In der Gesamtschau zeigt sich: Die Diskussion um E-Mail als Legacy IT ist weniger eine technische als eine organisatorische und kulturelle Debatte. Neue Zusammenarbeitsmodelle verändern Erwartungen – sie machen E-Mail aber nicht überflüssig. Vielmehr rückt die Frage in den Vordergrund, ob E-Mail als das behandelt wird, was sie faktisch ist: kritische Infrastruktur, die modern betrieben werden muss, statt stillschweigend als Altlast zu gelten. (td)


