Dino Legacy Lessons von Uwe Graf

Der Mainframe ist tot? Dann erklären Sie mir bitte, warum vermeintliche Disruption häufig an seiner Realität scheitert!

Kaum ein Narrativ hält sich in der IT so hartnäckig wie dieses: Der Mainframe sei ein Relikt vergangener Jahrzehnte, teuer im Betrieb, schwer zu modernisieren und langfristig durch Cloud-Technologien ersetzbar. Diese Argumentation wirkt auf den ersten Blick plausibel. Sie greift jedoch zu kurz und blendet zentrale Entwicklungen der letzten Jahre systematisch aus.

Wer sich die Realität in großen Unternehmen, insbesondere in Banken, Versicherungen und im öffentlichen Sektor, nüchtern anschaut, erkennt ein anderes Bild. Der Mainframe ist nicht verschwunden. Er ist auch nicht auf dem Rückzug. Im Gegenteil: Er wird gezielt weiterentwickelt und strategisch neu positioniert.

Der Grund dafür liegt nicht in Nostalgie, sondern in seiner einzigartigen Kombination aus Stabilität, Skalierbarkeit und Sicherheit.

Mainframes verarbeiten täglich Milliarden von Transaktionen mit einer Verfügbarkeit, die in vielen modernen verteilten Architekturen erst mit erheblichem Aufwand erreicht werden muss. Sie sind tief in geschäftskritische Prozesse integriert und bilden das Rückgrat zentraler Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig erfüllen sie regulatorische Anforderungen auf einem Niveau, das insbesondere in hochregulierten Branchen nicht optional ist, sondern zwingend vorausgesetzt wird.

Diese Eigenschaften allein würden bereits eine gewisse Beständigkeit rechtfertigen. Doch die aktuelle Entwicklung geht deutlich darüber hinaus.

Moderne Mainframe-Plattformen entwickeln sich zu integrierten Daten- und Verarbeitungszentren innerhalb hybrider IT-Architekturen. Sie sind heute in der Lage, nahtlos mit Cloud-Plattformen zu interagieren, APIs bereitzustellen und sich in Microservices-basierte Architekturen einzubinden. Containerisierung, DevOps-Praktiken und automatisierte Deployment-Prozesse halten zunehmend Einzug in das Mainframe-Umfeld.

Mainframe: Künstlicher Intelligenz direkt am Ort der Daten

Besonders relevant ist dabei die Integration von Künstlicher Intelligenz direkt am Ort der Daten. Während in vielen Architekturen Daten zunächst aufwendig extrahiert und in externe Systeme übertragen werden müssen, ermöglichen moderne Mainframes die unmittelbare Verarbeitung innerhalb der bestehenden Infrastruktur. Das reduziert Latenzen, minimiert Sicherheitsrisiken und erhöht die Effizienz datengetriebener Entscheidungen erheblich.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die zentrale Fragestellung falsch formuliert ist.

Es geht nicht mehr darum, wie der Mainframe ersetzt werden kann. Diese Perspektive stammt aus einer Zeit, in der IT-Transformation primär als Ablösung bestehender Systeme verstanden wurde. Heute geht es vielmehr darum, wie bestehende Stärken intelligent in moderne Architekturen integriert werden können.

Der Mainframe wird damit vom vermeintlichen Hindernis zum strategischen Enabler.

Diese Entwicklung ist eng mit einer grundlegenden Frage der Unternehmensphilosophie verknüpft: Wie gehen Organisationen mit gewachsenen Strukturen, bestehender Komplexität und bewährten Systemen um?

Es lassen sich zwei Denkschulen beobachten.

Die erste folgt einem radikalen Disruptionsansatz. Bestehende Systeme werden als Altlast betrachtet, die möglichst schnell ersetzt werden müssen. Transformation wird hier mit vollständiger Ablösung gleichgesetzt. Diese Sichtweise ist häufig von technologischer Ideologie geprägt und unterschätzt sowohl die gewachsene Fachlogik als auch die Stabilität bestehender Systeme.

Die zweite Denkschule verfolgt einen evolutiven Ansatz. Bestehende Systeme werden nicht als Problem, sondern als strategisches Asset verstanden. Transformation bedeutet hier nicht Zerstörung und Neubau, sondern gezielte Weiterentwicklung, Integration und Modernisierung. Diese Perspektive ist weniger spektakulär, aber in der Praxis deutlich nachhaltiger.

Die vermeintlichen Disruptoren argumentieren häufig mit Geschwindigkeit, Agilität und Innovationsfähigkeit. In der Realität zeigt sich jedoch, dass vollständige Ablösungen geschäftskritischer Systeme selten schneller, günstiger oder risikoärmer sind. Groß angelegte Migrationen dauern oft Jahre, binden erhebliche Ressourcen und führen nicht selten zu neuen Abhängigkeiten und Komplexitäten.

Unterschätzt: die ökonomische Rationalität

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion häufig unterschätzt wird: die ökonomische Rationalität.

Der Mainframe ist in vielen Organisationen längst abgeschrieben und hochoptimiert. Seine Betriebskosten stehen in einem Verhältnis zur gelieferten Leistung, das moderne Alternativen erst erreichen müssen. Gleichzeitig sind Fachprozesse, Datenmodelle und Integrationen über Jahrzehnte gewachsen und tief verankert. Eine vollständige Ablösung bedeutet daher nicht nur einen Technologiewechsel, sondern einen massiven Eingriff in die Geschäftslogik eines Unternehmens.

Unternehmen, die dies ignorieren, laufen Gefahr, funktionierende Systeme durch vermeintlich modernere, aber nicht zwingend bessere Lösungen zu ersetzen.

Dem gegenüber steht ein Ansatz, der Technologieentscheidungen konsequent an Geschäftszielen ausrichtet. Hier wird nicht gefragt, welche Technologie die modernste ist, sondern welche den größten Mehrwert liefert. In diesem Kontext entfaltet der Mainframe seine eigentliche Stärke: als stabiler, sicherer und hochperformanter Kern, der gezielt durch moderne Technologien ergänzt wird.

Unternehmen, die diesen Weg gehen, kombinieren die Zuverlässigkeit des Mainframes mit der Flexibilität der Cloud und der Innovationsgeschwindigkeit moderner Plattformen. Sie bauen hybride Architekturen, die sowohl Stabilität als auch Veränderungsfähigkeit ermöglichen.

Die provokante These bleibt daher bewusst bestehen: Die größte Altlast ist nicht der Mainframe. Es ist die Denkweise über ihn.

Wer den Mainframe ausschließlich als Legacy betrachtet, reduziert seine Möglichkeiten. Wer ihn hingegen als strategischen Bestandteil moderner IT-Landschaften versteht, erschließt neue Potenziale für Innovation, Effizienz und Differenzierung.

Die Zukunft der IT ist nicht disruptiv im Sinne von „alles neu“. Sie ist intelligent im Sinne von „das Beste verbinden“. Und genau dort spielt der Mainframe eine entscheidende Rolle.

 

Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet