COBOL zwischen „tickender Zeitbombe“ und stabiler Realität

Ein Beitrag auf „heise online“ greift Aussagen von Nigel Vaz, CEO des Beratungsunternehmens Publicis Sapient, auf, der vor einem strukturellen Investitionsproblem in der Unternehmens-IT warnt.

Gegenüber der dpa erklärte Vaz demnach, dass in vielen Unternehmen rund 80 Prozent der IT-Budgets in den Betrieb und die größten Komponenten der Infrastruktur flössen, während lediglich 20 Prozent für Innovation zur Verfügung stünden. Diese Schieflage lasse technische Schulden weiter anwachsen.

Besonders betroffen seien Banken, die weiterhin zentrale Mainframes betrieben. Aber auch Unternehmen mit veralteten ERP-Systemen zur Steuerung ihrer Geschäftsprozesse hätten ähnliche Probleme. Technische Schulden führen laut Vaz zu einem zunehmend erschwerten Zugriff auf Daten und behinderten die Integration moderner Technologien. Auch Künstliche Intelligenz könne dieses Defizit nicht grundsätzlich beheben. Wenn Kernsysteme nicht modernisiert würden, rede man mit KI „nur etwas schön“, wird Vaz zitiert.

Der heise-Beitrag greift diese Aussagen auf und verweist auf technologische Ansätze zur Modernisierung von Altsystemen, darunter KI-gestützte Werkzeuge zur Code-Transformation. Als Beispiel nennt der Autor den von IBM angebotenen „watsonx Code Assistant for Z“, der COBOL-Code automatisiert in Java überführen soll. Zugleich wird die Programmiersprache COBOL äußerst kritisch bewertet. Wörtlich heißt es, COBOL sei „ganz tot“ zwar nicht, stelle aber eine „tickende Zeitbombe“ dar.

Zuspitzung statt realistische Bestandsaufnahme

Diese Formulierungen sind jedoch stark zugespitzt und bilden die tatsächliche Nutzungssituation nur eingeschränkt ab. In vielen Unternehmen – insbesondere im Banken- und Versicherungsumfeld – wird COBOL weiterhin produktiv eingesetzt und aktiv gepflegt. Statt eines vollständigen Austauschs stehen häufig Modernisierungs- und Integrationsstrategien im Vordergrund, bei denen bestehende Anwendungen schrittweise weiterentwickelt werden. Die fortlaufende Verfügbarkeit moderner Compiler und Werkzeuge spricht zudem gegen die Einordnung als auslaufende Technologie. Vor diesem Hintergrund erscheint die Dramatisierung weniger als realistische Bestandsaufnahme denn als journalistische Zuspitzung. (td)