Dino Legacy Lessons von Uwe Graf

Wenn der Standard zum Risiko wird: Warum KI die Mainframe-Individualentwicklung neu bewertet

Die alte Gleichung wackelt.

In vielen Modernisierungsdiskussionen gibt es einen erstaunlich stabilen Reflex. Standardsoftware gilt als sicher, Individualentwicklung gilt als riskant. Das klingt erst einmal vernünftig. Standardsoftware verspricht Best Practices, Hersteller-Support, Updates, Roadmaps und im Idealfall weniger technische Sonderwege. Individualentwicklung klingt dagegen nach historisch gewachsenen Programmen, knapper werdendem Expertenwissen, alten Schnittstellen und Dokumentation, die angeblich irgendwo existiert, aber meistens gerade nicht dort, wo man sie braucht.

Diese Sicht ist verständlich. Sie ist aber gerade im Mainframe-Umfeld oft zu schlicht. Denn auf z/OS oder VSEn laufen in vielen Unternehmen nicht irgendwelche nostalgischen IT-Relikte, die nur deshalb noch existieren, weil niemand den Ausschaltknopf gefunden hat. Dort laufen häufig hochgradig individuelle Geschäftsprozesse, die Banken, Versicherungen, Behörden, Industrieunternehmen, Handel und Logistik jeden Tag zuverlässig tragen.

Diese Systeme bilden nicht nur technische Abläufe ab. Sie enthalten fachliche Regeln, regulatorische Besonderheiten, branchenspezifische Ausnahmen, historische Tariflogiken, komplexe Abrechnungsmodelle, individuelle Buchungsprozesse und operative Erfahrung aus Jahrzehnten. Kurz gesagt: Dort steckt nicht nur Code. Dort steckt Unternehmen.

Genau deshalb ist die Frage nach Standardsoftware oder Individualentwicklung keine reine Technologiefrage. Sie ist eine strategische Frage. Sie berührt Geschäftsmodelle, Prozesshoheit, Risikosteuerung, Wissenssicherung und die Fähigkeit, sich auch in Zukunft differenziert weiterzuentwickeln.

Und genau an dieser Stelle kommt KI ins Spiel.

Nicht als Zauberstab. Nicht als Autopilot. Und bitte auch nicht als die nächste Folie mit „Transformation Journey“ und drei Wolken-Icons. Sondern als Werkzeug, das einen alten Schwachpunkt der Mainframe-Individualentwicklung deutlich entschärfen kann: das Verstehen gewachsener Komplexität.

Der Mainframe ist nicht unattraktiv. Der Einstieg ist es manchmal.

Mainframe-Systeme haben in der öffentlichen Wahrnehmung häufig ein Imageproblem. Sie gelten als alt, schwer zugänglich und personell riskant, weil viele erfahrene Spezialistinnen und Spezialisten in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden. Wer neu in eine gewachsene Mainframe-Anwendungslandschaft kommt, trifft selten auf eine überschaubare Sammlung hübsch dokumentierter Programme mit sprechenden Namen und frischer Architekturzeichnung.

Er oder sie trifft auf COBOL, PL/I oder Assembler, auf JCL, Copybooks, VSAM, DB2, CICS, Batchketten, Scheduler, Reports, Schnittstellen, Maskenlogik, Betriebsverfahren und Namenskonventionen, die manchmal mehr Unternehmensgeschichte erzählen als so manche Festschrift.

Das wirkt abschreckend. Aber nicht, weil diese Systeme irrelevant wären. Im Gegenteil. Sie wirken oft schwer zugänglich, weil sie geschäftskritisch, tief integriert und historisch stark gewachsen sind. Der Mainframe ist also nicht unattraktiv, weil er alt ist. Er wirkt unattraktiv, weil der Einstieg schwer ist.

KI kann genau hier eine neue Rolle übernehmen. Sie ersetzt keine Mainframe-Kompetenz und macht aus komplexen Systemen keine einfachen Systeme. Aber sie kann Zusammenhänge erklären, Codeabschnitte kommentieren, Abhängigkeiten sichtbar machen, Dokumentation erzeugen, Testideen vorschlagen und Modernisierungsoptionen strukturieren.

Damit wird Individualentwicklung auf dem Mainframe nicht plötzlich trivial. Sie wird aber verständlicher, überprüfbarer und besser steuerbar.

Das ist entscheidend. Denn viele Risiken in Legacy-Landschaften entstehen nicht allein durch alte Programmiersprachen oder Plattformen. Sie entstehen durch fehlendes Wissen darüber, welche fachliche Logik wo steckt, welche Programme voneinander abhängen, welche Datenstrukturen kritisch sind und welche Änderung welche Nebenwirkungen haben kann. Wenn KI dabei hilft, dieses Wissen schneller zu erschließen, reduziert sie nicht automatisch jedes Projektrisiko. Aber sie verbessert die Grundlage, auf der Risiken erkannt, bewertet und gesteuert werden können.

Standardsoftware ist nicht automatisch der Sicherheitsgurt

Der Ruf nach Standardsoftware ist in vielen Modernisierungsprogrammen verständlich. Unternehmen wollen Komplexität reduzieren, den Betrieb vereinfachen, Herstellerverantwortung nutzen und sich von schwer wartbaren Individuallösungen lösen. In vielen Bereichen kann das absolut sinnvoll sein. Nicht jede Funktion ist strategisch differenzierend. Nicht jeder historisch gewachsene Sonderprozess verdient ein Denkmal. Und nicht jede Eigenentwicklung ist automatisch ein Ausweis besonderer Unternehmenskunst.

Problematisch wird es aber, wenn Standardsoftware reflexartig als risikoärmer gilt. Gerade bei geschäftskritischen Kernprozessen kann der Wechsel auf Standardsoftware neue Risiken erzeugen. Prozesse müssen an das Produktmodell angepasst werden. Fachliche Besonderheiten wandern in Konfigurationen, Erweiterungen oder Workarounds. Datenmodelle müssen migriert werden. Schnittstellen werden neu geschnitten. Betriebsprozesse ändern sich. Fachbereiche müssen bisher bewährte Abläufe aufgeben oder neu interpretieren.

Aus technischem Risiko wird dann fachliches Risiko. Aus alter Programmlogik wird neue Konfigurationslogik. Aus individueller Prozesshoheit wird Produktabhängigkeit. Und aus dem Versprechen „Wir gehen in den Standard“ wird nicht selten die Realität „Wir bauen den Standard so lange um, bis er wieder individuell aussieht“.

Das bedeutet nicht, dass Standardsoftware falsch ist. Es bedeutet nur, dass sie nicht automatisch der bessere Weg ist. In manchen Fällen ist sie genau richtig, weil der betroffene Prozess standardisierbar ist und keine echte Differenzierung bietet. In anderen Fällen kann sie teuer, langsam und riskant werden, weil ein Unternehmen seine gewachsene fachliche Stärke in ein fremdes Prozessmodell pressen muss.

Gerade dort, wo Kernprozesse komplex, reguliert, historisch differenziert oder wettbewerbsrelevant sind, kann Individualentwicklung weiterhin der kontrolliertere und strategisch sinnvollere Weg sein.

KI macht Individualentwicklung nicht romantisch. Sie macht sie professioneller.

Es wäre falsch, KI als Wunderwaffe für Legacy-Modernisierung zu verkaufen. Wer glaubt, man könne jahrzehntelang gewachsene Mainframe-Systeme einfach in ein KI-Werkzeug kippen und anschließend modernisierte, fehlerfreie Zielsysteme erhalten, unterschätzt die Realität geschäftskritischer IT. Mainframe-Anwendungen bestehen nicht nur aus Code. Sie bestehen aus Fachwissen, Datenhistorie, Betriebslogik, Performance-Anforderungen, Sicherheitsanforderungen, regulatorischen Vorgaben und organisatorischen Routinen.

Gerade deshalb ist KI aber interessant. Ihre Stärke liegt nicht darin, menschliche Verantwortung zu ersetzen. Ihre Stärke liegt darin, Analyse, Verständnis und Wissensarbeit zu beschleunigen.

KI kann Entwicklerinnen und Entwickler dabei unterstützen, COBOL-Abschnitte besser zu verstehen. Sie kann Hinweise geben, welche Copybooks verwendet werden. Sie kann erklären, welche Datenfelder vermutlich fachlich relevant sind. Sie kann aus Programmstrukturen erste technische Dokumentation ableiten. Sie kann beim Vergleich von Alt- und Zielverhalten helfen. Sie kann Testfälle vorschlagen und kritische Pfade sichtbarer machen.

Das verändert die Rolle der Menschen nicht in Richtung Bedeutungslosigkeit. Im Gegenteil. Jemand muss die KI-Ergebnisse bewerten, fachlich einordnen, technische Annahmen prüfen, Testabdeckung verantworten und entscheiden, welche Modernisierungsmaßnahme wirklich sinnvoll ist. KI kann Vorschläge liefern. Verantwortung bleibt beim Menschen.

Das ist besonders im Mainframe-Umfeld entscheidend. Auf z/OS und VSEn laufen Anwendungen, bei denen Fehler nicht nur ein unschönes Ticket im Backlog erzeugen. Sie können Zahlungen verzögern, Buchungen verfälschen, Versicherungsleistungen beeinträchtigen, Produktionsketten stören oder regulatorische Probleme auslösen. Deshalb darf KI nicht als Autopilot verstanden werden. Sie ist eher ein Co-Pilot. Und ein guter Co-Pilot ist bekanntlich sehr hilfreich, aber man lässt ihn trotzdem nicht allein mit der Landung bei Seitenwind.

Die neue Frage lautet nicht: Standard oder Individualität?

Die klassische Gegenüberstellung von Standardsoftware und Individualentwicklung greift im Zeitalter von KI zu kurz. Die relevante Frage lautet nicht mehr, ob Standard grundsätzlich gut und Individualentwicklung grundsätzlich riskant ist. Die relevante Frage lautet:

Wo bringt Standardisierung echten Nutzen, und wo sollte individuelle Fachlogik bewusst erhalten, modernisiert und weiterentwickelt werden?

Diese Unterscheidung ist wichtig. Viele Unternehmen haben in ihren Mainframe-Systemen nicht nur technische Altlasten, sondern auch fachliche Alleinstellungsmerkmale. Das betrifft nicht immer die sichtbaren digitalen Kundenschnittstellen. Es betrifft häufig die dahinterliegenden Kernprozesse, die darüber entscheiden, ob ein Unternehmen effizient, stabil, regelkonform und differenziert arbeiten kann.

Wer diese Logik unkritisch ersetzt, kann operative Substanz verlieren.

KI kann helfen, diese Substanz sichtbar zu machen. Sie kann zeigen, welche Teile einer Anwendung eher technische Struktur sind und welche Teile echte Fachlogik enthalten. Sie kann Hinweise liefern, wo Programme stark miteinander vernetzt sind. Sie kann helfen, Änderungsrisiken zu identifizieren. Sie kann Dokumentationslücken schließen und Wissensinseln reduzieren.

Dadurch wird eine fundiertere Entscheidung möglich. Was sollte abgelöst werden? Was sollte refaktorisiert werden? Was sollte neu gebaut werden? Was sollte bewusst auf dem Mainframe bleiben? Und wo ist eine Kombination aus Bestandserhalt, API-Fähigkeit, Modernisierung und gezielter Neuentwicklung der bessere Weg?

Diese differenzierte Sicht ist in der Praxis oft wertvoller als große Entweder-oder-Programme. Nicht jede Legacy-Anwendung muss vollständig ersetzt werden. Nicht jede Standardsoftware muss vermieden werden. Nicht jede Individualentwicklung ist strategisch. Aber dort, wo individuelle Kernlogik ein Unternehmen trägt, kann KI-gestützte Mainframe-Entwicklung ein risikoärmerer Weg sein als eine erzwungene Standardisierung.

Attraktivität entsteht nicht durch Nostalgie

Die Diskussion hat auch eine personelle Dimension. Mainframe-Individualentwicklung bleibt nur dann zukunftsfähig, wenn sie für neue Entwicklerinnen und Entwickler anschlussfähig wird. Dazu reicht es nicht, jungen Menschen zu erklären, dass der Mainframe wichtig ist. Wichtigkeit allein erzeugt noch keine Begeisterung. Eine Steuererklärung ist auch wichtig. Trotzdem wartet niemand sehnsüchtig auf das nächste Formular.

Attraktivität entsteht, wenn der Einstieg möglich, die Werkzeuge zeitgemäß und die Lernkurve beherrschbar sind.

KI kann hier eine Brücke schlagen. Sie kann neue Entwicklerinnen und Entwickler beim Lesen von Altcode unterstützen. Sie kann Begriffe erklären, technische Zusammenhänge herstellen und erste Hypothesen über Programmlogik liefern. Sie kann aus unübersichtlichen Strukturen verständlichere Beschreibungen erzeugen. Sie kann den Dialog zwischen erfahrenen Mainframe-Spezialisten und Nachwuchs erleichtern, weil sie Fragen vorbereitet, Zusammenhänge strukturiert und Wissen dokumentierbar macht.

Das ist kein Ersatz für Ausbildung. Es ist eine Verstärkung von Ausbildung. Gute Mainframe-Entwicklung braucht weiterhin Verständnis für Transaktionsverarbeitung, Batchsteuerung, Datenhaltung, Performance, Verfügbarkeit, Security und Betrieb. Aber der Weg dorthin muss nicht mehr so steil sein wie früher.

Wenn moderne IDEs, DevOps-Praktiken, automatisierte Tests, Analysewerkzeuge und KI-Assistenten zusammenspielen, verändert sich die Developer Experience deutlich. Dann arbeitet man nicht mehr an „alter Software“, sondern an hochkritischer Unternehmenslogik mit modernen Methoden. Das ist anspruchsvoll, relevant und durchaus attraktiv, wenn Unternehmen den Zugang richtig gestalten.

Der eigentliche Wert liegt in kontrollierter Veränderung

Modernisierung ist kein Selbstzweck. Der Wert entsteht nicht dadurch, dass ein System jünger aussieht oder eine modernere Programmiersprache verwendet. Der Wert entsteht, wenn geschäftskritische Funktionen stabil bleiben, Risiken sinken, Änderungsfähigkeit steigt und Wissen langfristig gesichert wird.

Genau in diesem Zusammenhang kann KI eine wichtige Rolle spielen.

KI-gestützte Individualentwicklung ermöglicht kontrollierte Veränderung. Sie hilft, vorhandene Logik besser zu verstehen, bevor sie verändert wird. Sie unterstützt dabei, Tests und Dokumentation aufzubauen, bevor größere Umbauten erfolgen. Sie erlaubt es, Modernisierung schrittweise zu planen, statt ganze Landschaften in riskanten Großprojekten zu ersetzen. Sie kann Fachbereiche und IT näher zusammenbringen, weil technische Strukturen verständlicher beschrieben werden können.

Das ist besonders relevant für Unternehmen, die ihre Kernsysteme nicht einfach abschalten können. Viele Mainframe-Anwendungen laufen seit Jahrzehnten, weil sie zuverlässig, performant und tief in Geschäftsprozesse integriert sind. Diese Stabilität ist kein Makel. Sie ist ein Vermögenswert.

Die Herausforderung besteht darin, diesen Vermögenswert so weiterzuentwickeln, dass er auch künftig anschlussfähig bleibt.

Standardsoftware kann dabei eine Rolle spielen. Cloud-Services können eine Rolle spielen. Neue Anwendungen, APIs und Plattformstrategien können eine Rolle spielen. Aber sie sollten nicht aus einem pauschalen Reflex herausgewählt werden. Entscheidend ist die Frage, welcher Ansatz für den jeweiligen Prozess, das jeweilige Risiko und die jeweilige Unternehmensstrategie der richtige ist.

KI macht den Mainframe nicht jung – Sie macht ihn zugänglicher.

KI macht Mainframe-Individualentwicklung nicht automatisch einfach, billig oder risikofrei. Aber sie kann sie transparenter, besser dokumentierbar, leichter vermittelbar und gezielter steuerbar machen. Genau dadurch verändert sich die Risikobetrachtung.

Standardsoftware bleibt ein wichtiger Baustein moderner IT-Strategien. Sie ist aber nicht automatisch der risikoärmere Weg. Gerade bei geschäftskritischen, stark individualisierten Kernprozessen kann eine unreflektierte Standardisierung neue fachliche, organisatorische und wirtschaftliche Risiken erzeugen.

KI-gestützte Individualentwicklung bietet hier eine neue Option: nicht als nostalgisches Festhalten an alten Systemen, sondern als professioneller Weg, wertvolle Fachlogik zu verstehen, zu sichern und schrittweise weiterzuentwickeln.

Für z/OS und VSEn bedeutet das einen wichtigen Perspektivwechsel. Der Mainframe muss nicht künstlich verjüngt werden, um relevant zu bleiben. Er muss verständlicher, zugänglicher und besser in moderne Entwicklungsprozesse eingebunden werden. KI kann genau dazu beitragen.

Vielleicht lautet die eigentliche Modernisierungsfrage deshalb nicht mehr: Wie schnell ersetzen wir Legacy?

Sondern: Wie machen wir geschäftskritische Fachlogik so transparent, dass wir sie sicher verändern können?

Wenn KI dabei hilft, Komplexität zu erklären, Wissen zu sichern und Entwicklung besser abzusichern, dann wird Individualentwicklung auf dem Mainframe nicht nur wieder attraktiver. Sie kann in vielen Fällen auch der kontrolliertere Weg in die Zukunft sein.

 

Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet