Warum neue Architekturen nicht die nächsten Altsysteme werden dürfen

Die Modernisierung von Mainframe-Anwendungen wird häufig als technisches Migrationsprojekt diskutiert. Eine aktuelle Veröffentlichung im International Journal of Computational and Experimental Science and Engineering (IJCESEN) argumentiert jedoch, dass dieser Blick zu kurz greife. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Legacy-Modernisierung als strategischer Imperativ zu verstehen sei – nicht als punktuelle IT-Maßnahme.

Mainframes auf Basis von COBOL, PL/I oder Assembler seien zwar weiterhin hochstabil und geschäftskritisch. Gleichzeitig würden steigende Betriebskosten, Fachkräftemangel und Anforderungen an digitale Geschäftsmodelle den Modernisierungsdruck erhöhen. Organisationen müssten daher unterschiedliche Transformationspfade – von Rehosting über Refactoring bis hin zu hybriden Architekturen – sorgfältig abwägen.

Vom Projekt zur permanenten Modernisierungsfähigkeit

Besonders hervorzuheben ist die Argumentation im Fazit der Studie: Modernisierung werde zunehmend nicht mehr als abgeschlossenes Projekt verstanden, sondern als kontinuierliches Transformationsprogramm. Informationssysteme müssten sich dauerhaft weiterentwickeln, getrieben durch regulatorische Anforderungen, Wettbewerbsdruck und veränderte Kundenerwartungen.

Für Banken und Versicherungen bedeutet dies nach Auffassung des Autors, dass Modernisierung organisatorisch verankert werden müsse – mit klarer Governance, Executive-Sponsorship und einer langfristigen Portfolio-Steuerung. Entscheidend sei eine wertorientierte Umsetzung über mehrere Jahre hinweg, nicht eine einmalige technische Migration.

Die Gefahr neuer technischer Schulden

Ein zweiter zentraler Punkt betrifft die Gefahr, alte Fehler zu wiederholen. Die Studie warnt davor, dass auch moderne Cloud- oder Microservices-Architekturen neue technische Schulden aufbauen könnten, wenn sie ohne klare Architekturprinzipien, Standardisierung und Dokumentation implementiert würden.

Der Autor plädiert daher für modulare, standardisierte und gut dokumentierte Systeme, um nicht in einigen Jahren erneut vor einer Modernisierungswelle zu stehen. Technische Schulden sollten nicht nur im Mainframe-Bestand abgebaut, sondern grundsätzlich in neuen Architekturen vermieden werden.

Branchenspezifische Effekte

Anhand von Beispielen aus Finanz- und Versicherungsunternehmen beschreibt die Veröffentlichung mögliche Effekte erfolgreicher Modernisierung: beschleunigte Transaktionsverarbeitung, geringere Infrastrukturkosten, schnellere Einführung digitaler Services sowie verbesserte Betrugserkennung durch Integration von Machine Learning.

Gleichzeitig werde deutlich, dass der eigentliche Mehrwert weniger in der Infrastruktur selbst liege als in der gesteigerten organisatorischen Anpassungsfähigkeit.

Die Studie liefert keine eigene empirische Untersuchung, sondern systematisiert bestehende Modernisierungsansätze und branchenspezifische Erfahrungen. Ihr zentraler Beitrag liegt in der strategischen Einordnung: Mainframe-Modernisierung sei kein singuläres Transformationsprojekt, sondern Ausdruck einer dauerhaften Fähigkeit zur technologischen Erneuerung. (td)