In einem Meinungsbeitrag für Finextra geht der Fintech-Blogger Joris Lochy, Co-Founder von Capilever, der Frage nach, warum Banken weiterhin noch stark auf Mainframes und COBOL setzen – und weshalb diese Systeme trotz aller Modernisierungsdebatten weiterhin als „too critical to kill“ gelten.
Lochy argumentiert, dass COBOL-basierte Kernbankensysteme vor allem wegen ihrer hohen Stabilität, Skalierbarkeit und jahrzehntelang erprobten Zuverlässigkeit im Einsatz sind. Diese Systeme verarbeiteten täglich Millionen von Transaktionen mit extrem niedrigen Fehlerraten. Aus Sicht des Autors liegt ihre Stärke weniger in technologischer Modernität als in ihrer Fähigkeit, geschäftskritische Prozesse unter hoher Last zuverlässig abzuwickeln.
Zugleich setzt sich der Beitrag kritisch mit der Annahme auseinander, dass neue Technologien – insbesondere Künstliche Intelligenz – den vollständigen Ersatz von Legacy-Systemen erleichtern könnten. Zwar kann KI laut Lochy als Beschleuniger bei Analyse, Test oder Modernisierung helfen. Sie sei jedoch kein Allheilmittel. Insbesondere nicht-funktionale Eigenschaften wie Performance, Resilienz oder Fehlerverhalten unter Extrembedingungen seien in modernen, verteilten Architekturen schwer vorherzusagen, zu simulieren und zu testen. Das Risiko lasse sich auch mit KI nicht vollständig eliminieren.
Ablösung von Legacy-Systemen als strategische Abwägung
Vor diesem Hintergrund beschreibt Lochy die Ablösung von Legacy-Systemen als strategische Abwägung. Banken müssten zwischen Zuverlässigkeit und Innovationsgeschwindigkeit, zwischen Stabilität und Agilität sowie zwischen Risiko und Ertrag entscheiden. Dass viele Institute weiterhin auf Mainframes und COBOL setzen, sei daher weniger Ausdruck von Veränderungsresistenz, sondern vielmehr eine rationale Entscheidung im Sinne der Betriebssicherheit.
Gleichzeitig verweist der Autor auf den wachsenden Druck durch Neobanken wie Revolut, Monzo oder Nubank, die mit schlankeren IT-Stacks, höherer Agilität und besseren Cost-Income-Ratios skalieren. Sollten diese Modelle weiter erfolgreich wachsen, könnten traditionelle Banken laut Lochy an einen Kipppunkt geraten. Dann liege das größere Risiko nicht mehr im Festhalten an Legacy-Systemen, sondern darin, den Zeitpunkt für den Wandel zu lange hinausgezögert zu haben. (td)


