Warnung vor „Übersetzungsfalle“ bei KI-gestützter COBOL-Migration

Claudio González, Global CTO & EVP des Software- und Digitalisierungsunternehmens intive, warnt vor zu hohen Erwartungen an generative KI bei der Modernisierung von Legacy-Systemen im Bankensektor. In einem Gastbeitrag für Retail Banker International argumentiert er, dass Banken bei KI-gestützten COBOL-Migrationen in eine „Übersetzungsfalle“ geraten könnten.

González kritisiert insbesondere die Vorstellung, jahrzehntealte COBOL-Anwendungen ließen sich einfach automatisiert in andere Programmiersprachen wie Java übertragen. Dadurch würden häufig bestehende Betriebsrisiken und Wartungsprobleme unverändert übernommen. Die eigentlichen Herausforderungen liegen aus seiner Sicht weniger im Alter des Codes als vielmehr im fehlenden Verständnis gewachsener Systemlandschaften und Geschäftslogiken.

Der Manager verweist darauf, dass viele Kernbanksysteme über Jahrzehnte eng mit individuellen Prozessen und fachlichen Regeln verwoben worden sind. Gleichzeitig gehe Wissen verloren, weil erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gingen oder Dokumentationen fehlten. Banken könnten ihre eigenen Systeme deshalb teilweise selbst nicht mehr vollständig nachvollziehen. Änderungen an zentralen Anwendungen würden dadurch zunehmend riskant.

KI sollte laut González daher nicht nur als Werkzeug zur Code-Generierung betrachtet werden. Ihr eigentlicher Mehrwert liege vielmehr darin, bestehende Anwendungen zu analysieren, Abhängigkeiten sichtbar zu machen und verborgene Geschäftsregeln zu identifizieren. KI könne helfen, die „Absicht“ hinter alten Systemen besser zu verstehen und damit die Grundlage für Modernisierungsentscheidungen zu schaffen.

Banken verlieren Interesse, proprietären Code selbst zu betreiben

Auffällig ist dabei auch die strategische Stoßrichtung des Beitrags. Laut González verlieren Banken zunehmend das Interesse daran, proprietären Code dauerhaft selbst zu betreiben und weiterzuentwickeln. Statt eigene Softwarehäuser für historisch gewachsene Kernanwendungen zu bleiben, rücke stärker die Orchestrierung unterschiedlicher Systeme und Plattformen in den Mittelpunkt. Entscheidend sei daher nicht allein die Modernisierung einzelner Anwendungen, sondern die Frage, welche Systeme erhalten, ersetzt, integriert oder abgestoßen werden sollten.

Diese Argumentation deckt sich mit weiteren Veröffentlichungen von intive zur Legacy-Transformation. Dort spricht das Unternehmen ebenfalls über Risiken reiner „Lift-and-Shift“-Migrationen sowie über die Bedeutung schrittweiser Modernisierung und externer Plattformintegration. (td)