In kaum einer Branche sind Stabilität und Veränderungsdruck so eng miteinander verzahnt wie im Finanzsektor. Kernsysteme laufen seit Jahrzehnten zuverlässig – und genau diese Zuverlässigkeit ist ihr größter Wert. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen, Integrationsbedarfe und Kostendruck kontinuierlich. Neue digitale Services müssen schneller angebunden werden, internationale Datenformate korrekt verarbeitet werden und bestehende Systeme sollen dabei effizienter statt teurer werden. Stillstand ist deshalb keine Option – auch nicht auf Compiler-Ebene.
Mit IBM Enterprise COBOL for z/OS 6.5 steht die aktuelle Generation des COBOL-Compilers für z/OS zur Verfügung. Dieses Release ist kein kosmetisches Versions-Update, sondern adressiert zentrale Herausforderungen moderner Finanz-IT: Integration in API-Landschaften, bessere Wartbarkeit großer Codebasen, erweiterte Unicode-Unterstützung, optimierte Performance auf aktueller Hardware und langfristige Investitionssicherheit. Die strategische Frage lautet daher nicht mehr, ob man migriert – sondern wie schnell.
Moderne Integration: JSON als Brücke in die Service-Welt
Banken und Versicherer bewegen sich längst in hybriden Architekturen. Mobile Apps, Partnerplattformen, regulatorische Schnittstellen und interne Microservices kommunizieren nahezu durchgängig über JSON. Historisch gewachsene COBOL-Anwendungen mussten hierfür häufig über zusätzliche Transformationsschichten angebunden werden – mit entsprechendem Mehraufwand und zusätzlichen Fehlerquellen.
COBOL 6.5 erweitert die JSON-Unterstützung deutlich und ermöglicht eine direktere Verarbeitung strukturierter Daten. Das reduziert Komplexität und verbessert die Wartbarkeit.
Ein einfaches Beispiel:

Was technisch unspektakulär aussieht, hat strategische Wirkung: Bestehende Kernlogik kann ohne umfangreiche Zusatzkomponenten als JSON-basierter Service bereitgestellt werden. Das vereinfacht Open-Banking-Szenarien ebenso wie interne API-Strategien. Für Finanzdienstleister bedeutet das weniger Integrationsaufwand, geringere Betriebskomplexität und schnellere Umsetzung neuer Produkte.
Saubere Typisierung: Struktur statt historischer Doppeldefinitionen
Große COBOL-Anwendungen im Finanzbereich sind oft über Jahrzehnte gewachsen. Datenstrukturen wurden kopiert, leicht angepasst und an mehreren Stellen parallel gepflegt. Das erhöht langfristig das Risiko von Inkonsistenzen und erschwert Modernisierungsvorhaben.
Mit benutzerdefinierten Typen (TYPEDEF) bringt COBOL 6.5 hier deutlich mehr Struktur in bestehende Codebasen.

Der Vorteil liegt nicht nur in eleganterem Code. Wiederverwendbare Typdefinitionen reduzieren Wartungskosten, vermeiden Fehler durch unterschiedliche Felddefinitionen und verbessern die Lesbarkeit großer Programme erheblich. Für Entwickler bedeutet das produktiveres Arbeiten, für Entscheider sinkende langfristige Betriebskosten und eine stabilere Codebasis.
Unicode und internationale Datenverarbeitung
Internationale Geschäftsbeziehungen und regulatorische Meldepflichten erfordern eine zuverlässige Verarbeitung von Unicode-Daten. Kundennamen, Adressen oder Referenzdaten enthalten längst nicht mehr ausschließlich ASCII-Zeichen. Fehler in der Zeichenverarbeitung können reale Auswirkungen auf Geschäftsprozesse haben.
COBOL 6.5 erweitert die Unterstützung für UTF-8-Daten und stellt Funktionen bereit, die eine korrekte Zeichenverarbeitung erleichtern.

Mit Funktionen wie ULENGTH wird die tatsächliche Zeichenlänge korrekt ermittelt – nicht nur die Byte-Länge. Das erhöht die Robustheit internationaler Anwendungen erheblich und reduziert Fehlerquellen bei der Verarbeitung mehrsprachiger Daten.
Performance: Effizienzgewinne ohne fachliche Änderungen
Mainframe-Ressourcen sind kostenrelevant. Schon geringe Effizienzsteigerungen wirken sich bei Millionen täglicher Transaktionen unmittelbar auf die Betriebskosten aus. COBOL 6.5 unterstützt moderne Architektur-Optionen wie ARCH(15) und TUNE(15), um aktuelle IBM-Z-Hardware optimal zu nutzen.
Eine typische Compiler-Konfiguration könnte so aussehen:
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Der entscheidende Punkt ist: Die Geschäftslogik bleibt unverändert, aber der erzeugte Maschinencode wird effizienter. Viele Institute berichten von messbaren CPU-Einsparungen allein durch das Recompilieren mit modernen Optimierungsparametern. Für Entscheider bedeutet das eine wirtschaftlich äußerst attraktive Maßnahme – Performancegewinn ohne Projektlawine.
Moderne Datenhaltung mit VSAMDB
COBOL 6.5 erweitert zudem die Möglichkeiten im Umgang mit VSAMDB und strukturierten Datenformaten wie JSON-Dokumenten.
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Damit wird die Integration moderner Datenstrukturen in bestehende Mainframe-Architekturen deutlich erleichtert. Hybride Szenarien lassen sich eleganter abbilden, ohne Stabilität und Transaktionssicherheit aufzugeben.
Evolutionäre Modernisierung mit strategischem Mehrwert
Eine der häufigsten Fragen im Umfeld eines Compiler-Upgrades lautet: Wie groß ist der tatsächliche Aufwand? Die Erfahrung aus zahlreichen Projekten zeigt, dass der Schritt von COBOL 5 oder 6.x auf 6.5 in der Regel evolutionär und nicht disruptiv verläuft. Bestehende Anwendungen müssen nicht neu geschrieben werden, sondern können überwiegend unverändert übernommen und neu kompiliert werden. Genau das macht das Upgrade planbar.
Ein strukturiertes Vorgehen hat sich bewährt: Zunächst empfiehlt sich ein Recompile mit aktivierter NUMCHECK-Option, um potenzielle Schwachstellen frühzeitig sichtbar zu machen. Auf dieser Basis kann die Migration schrittweise erfolgen, indem besonders geschäftskritische oder performanceintensive Module priorisiert behandelt werden. Begleitende Performance-Vergleichsmessungen sorgen für Transparenz hinsichtlich der erzielten Effizienzgewinne. Parallel sollten moderne Optimierungsoptionen wie ARCH(15), TUNE(15) und höhere OPT-Stufen aktiviert werden, um das Potenzial der aktuellen Hardware vollständig auszuschöpfen.
Bemerkenswert ist dabei, dass viele Institute bereits durch das reine Recompilieren mit aktuellen Optimierungsparametern messbare CPU-Einsparungen erzielen – und das ohne funktionale Änderungen am Anwendungscode. Die Geschäftslogik bleibt unangetastet, während Effizienz und Zukunftsfähigkeit steigen. Genau diese Kombination aus technischer Kontinuität und wirtschaftlichem Nutzen macht die Migration attraktiv.
Damit wird deutlich: COBOL 6.5 ist kein „Nice-to-have“, sondern eine gezielte Modernisierung der technischen Basis, auf der zentrale Finanzprozesse laufen. Für Entwickler bedeutet das modernere Sprachfeatures, klarere Typisierungsmöglichkeiten, verbesserte Unicode-Unterstützung und eine saubere JSON-Integration. Für Entscheider stehen vor allem strategische Vorteile im Vordergrund: geringere Betriebskosten durch bessere Performance, höhere Integrationsfähigkeit in moderne Architekturen, ein reduziertes Technologie-Risiko und die langfristige Zukunftssicherheit der Kernsysteme.
Gerade Finanzdienstleister können es sich nicht leisten, ihre zentralen Systeme technisch einzufrieren. Innovation entsteht nicht nur im Frontend oder im nächsten digitalen Produkt – sie beginnt in der technischen Basis. Und genau deshalb ist das Update auf COBOL 6.5 keine Option, sondern eine Pflichtübung.
Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet






