Roland Berger: Jede zweite Kernsystem-Transformation verfehlt Zeit- oder Budgetziele

Viele Versicherer betreiben weiterhin über Jahrzehnte gewachsene Legacy-Kernsysteme. Roland Berger sieht darin ein Hindernis für Automatisierung und KI. Doch auch die Ablösung birgt erhebliche Risiken: Laut einer aktuellen Studie der Berater erreicht rund die Hälfte der Kernsystem-Transformationen ihre Zeit- oder Budgetziele nicht.

Das IT Finanzmagazin hat aktuell auf eine neue Erhebung von Roland Berger zur Modernisierung von Kernsystemen bei Versicherern aufmerksam gemacht. Der im August 2026 veröffentlichte Report „Core insurance system transformation in the age of AI“ untersucht, warum der Modernisierungsdruck wächst, welche Risiken mit der Ablösung verbunden sind und welche Rolle KI inzwischen auch bei der Migration selbst spielen könne.

Viele Kernsysteme basieren laut Roland Berger weiterhin auf jahrzehntealten Legacy-Infrastrukturen. Die Studie verweist dabei insbesondere auf Mainframe-Technologie und AS/400-Umgebungen sowie zunehmend knappe Legacy-Kenntnisse etwa in COBOL. Diese Strukturen seien nicht für kontinuierliche Veränderungen und heutige Automatisierungsgrade ausgelegt. Gleichzeitig veränderten Digitalisierung und KI die Entwicklung, Tarifierung, Vermarktung und Verwaltung von Versicherungsprodukten.

Technische Schulden und eng gekoppelte Architekturen erhöhen laut dem Beratungsunternehmen Kosten und Risiken. Moderne, plattformbasierte und Cloud-fähige Kernsysteme könnten dem mit standardisierter Infrastruktur, vereinfachten Betriebsmodellen und stärkerer Automatisierung begegnen. Nachhaltige Einsparungen setzten allerdings eine disziplinierte Migration, begrenzte Individualisierung und insbesondere die rechtzeitige Abschaltung der Altsysteme voraus.

Wie grundlegend Roland Berger die Aufgabe inzwischen versteht, bringt Senior Partner Dr. Ulrich Kleipaß in der Studie auf den Punkt: „Die Transformation von Versicherungskernsystemen ist kein IT-Projekt mehr – sie ist eine unternehmerische Notwendigkeit.“

Hohe Investitionen und hohe Risiken

Die Dimension der Vorhaben ist erheblich. Kernsystemtransformationen gehören laut Roland Berger neben M&A-Projekten zu den größten Investitionsentscheidungen der Assekuranz. Typischerweise bewegten sich die Investitionen zwischen 20 Millionen und mehr als 100 Millionen Euro, bei Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren.

Dabei seien erfolgreiche Transformationen keineswegs selbstverständlich: Rund die Hälfte der Programme zur Ablösung von Versicherungskernsystemen erreiche ihre Zeit- oder Budgetziele nicht. Als typische Ursachen werden schwache Verantwortlichkeiten und unklare Entscheidungsstrukturen genannt. Ebenso häufig werde die Komplexität von Datenmigration und Systemintegration unterschätzt – insbesondere dann, wenn Alt- und Neusystem über mehrere Jahre parallel betrieben werden müssten.

Entsprechend warnen die Studienautoren davor, die Transformation primär als Technologieentscheidung zu betrachten. Der Erfolg hänge meist von belastbaren wirtschaftlichen Annahmen, einer sinnvollen Abfolge der einzelnen Schritte und einer durchgängigen Governance ab. Die Kernsystemmodernisierung müsse deshalb als Business-Programm und nicht lediglich als Austausch eines IT-Systems verstanden werden.

Vom Eigenbau bis zum Outsourcing

Für die Umsetzung stellt Roland Berger unterschiedliche Sourcing-Modelle gegenüber. Das Spektrum reicht von individuell entwickelten Lösungen über Low-Code-/No-Code-Ansätze und Standardsoftware von Drittanbietern bis hin zu Joint Ventures und Business Process Outsourcing. Jedes Modell bringe unterschiedliche Vorteile und Risiken mit sich.

Quelle: Roland Berger, „Core insurance system transformation in the age of AI“, 2026

Bei Eigenentwicklungen sehen die Experten beispielsweise Vorteile durch einen hohen Individualisierungsgrad, zugleich aber hohe Kosten und eine begrenzte Verfügbarkeit von IT-Experten. Drittanbieter-Lösungen könnten dagegen eine kürzere Time-to-Market sowie Zugang zu etablierten Lösungen, Standards und IT-Know-how ermöglichen, schafften jedoch eine Abhängigkeit vom Anbieter und böten weniger Möglichkeiten zur Differenzierung. Low-Code-/No-Code-Lösungen versprächen eine schnelle Umsetzung, flexible Konfiguration und eine geringere IT-Abhängigkeit, hätten laut Studie aber Nachteile bei Skalierbarkeit und Integration.

Für die Auswahl von Anbietern und Partnern empfiehlt Roland Berger deshalb einen starken Fokus auf die tatsächliche Umsetzungskompetenz. Migrationserfahrung in vergleichbaren regulatorischen und datenbezogenen Umgebungen, ein belastbares Delivery- und Governance-Modell, Daten- und Cloud-Reife sowie ein disziplinierter Umgang mit Individualisierungen sollten stärker gewichtet werden als Lizenzpreis und theoretischer Funktionsumfang.

Migration muss nicht vollständige Ablösung bedeuten

Die Autoren Nizar Hneini, Ulrich Kleipaß, Laurent Doucet, Carsten Küst und Florian Hartmann plädieren trotz des beschriebenen Modernisierungsdrucks nicht für jeden Versicherungsbestand für einen vollständigen Umzug auf ein neues Kernsystem. Die passende Strategie hänge unter anderem von Sparte und Produktfamilie, Reife des Portfolios, Datenqualität und regulatorischen Anforderungen ab.

Aktive Wachstumsprodukte könnten vollständig auf das Zielsystem migriert werden. Bei komplexeren aktiven Produkten könne eine Migration mit einer Konsolidierung etwa von Varianten und Tarifierungsansätzen verbunden werden. Geschlossene Bestände oder Long-Tail-Produkte könnten dagegen in einem kontrollierten Run-off verbleiben, wenn eine Migration unverhältnismäßig wäre. Inaktive Bestände könnten archiviert und anschließend außer Betrieb genommen werden, sofern rechtliche und Audit-Anforderungen ohne das ursprüngliche Kernsystem erfüllt werden könnten.

Grundsätzlich sehen die Berater eine phasenweise oder hybride Migration als bevorzugten Ansatz. Ein Big Bang reduziere zwar die Kosten der Koexistenz, konzentriere dafür aber operative und reputative Risiken und eigne sich deshalb nur für klar begrenzte Portfolios. Für große Bestände in der deutschen Lebensversicherung bezeichnet die Studie die phasenweise beziehungsweise erneuerungsbasierte Migration ausdrücklich als Regelfall; ein Big Bang sei hier die Ausnahme.

„Hollowing the Core“: Weniger Funktionen im Kern

Einen eigenen Abschnitt widmet Roland Berger dem sogenannten „Hollowing the Core“. Der Ansatz sieht vor, das Kernsystem stärker auf seine Rolle als stabiles System of Record zu reduzieren und Funktionen, die häufigen Veränderungen unterliegen, nach außen zu verlagern.

Im Kern könnten beispielsweise Policenverwaltung, Underwriting, Schadenbearbeitung, Rückversicherung sowie Finanz- und Rechnungswesen verbleiben. Produktkonfiguration, Business Rules, Pricing beziehungsweise Quotation, Workflows, Omnichannel-Management und CRM könnten dagegen über separate Lösungen realisiert werden.

Ziel sei es, Änderungen am eigentlichen Kernsystem und die Abhängigkeit von dessen Anbieter zu reduzieren und damit insbesondere die Einführung neuer Produkte zu beschleunigen. Gleichzeitig weist Roland Berger auf die damit verbundenen Herausforderungen hin: Die Orchestrierung der verschiedenen Systeme, die Auswahl geeigneter Middleware und insbesondere das Testen einer solchen Landschaft würden entsprechend wichtiger.

Datenmigration als kritischer Pfad

Eine zentrale Rolle nimmt in der Studie die Datenmigration ein. Versicherer verfügten über Jahrzehnte an Policen-, Prämien-, Schaden-, aktuariellen und Finanzdaten, die häufig über Kernsysteme, Data Warehouses und zusätzliche manuelle Workarounds verteilt seien.

Die Komplexität resultiert dabei laut den Experten weniger aus der reinen Datenmenge als aus eingebetteter Geschäftslogik, historischen Inkonsistenzen und der regulatorischen Bedeutung der Daten. Dazu zählten etwa Policenhistorien, Leistungsberechnungen, Cashflow-Projektionen und Buchungen. Hier gibt es klare Parallelen zu den Besonderheiten von Bausparkassen.

Werden diese Probleme im Zuge der Transformation nicht gelöst, werde die bestehende Legacy-Komplexität nach Einschätzung der Beratung lediglich auf das neue Kernsystem übertragen. Automatisierung, Analytics und KI könnten dann trotz moderner Zielplattform von Beginn an eingeschränkt sein. Roland Berger empfiehlt deshalb eine frühe Analyse der Datenbestände, eindeutige Verantwortlichkeiten sowie eine iterative Bereinigung, Validierung und Abstimmung anhand definierter Qualitätsanforderungen.

KI soll verborgene Legacy-Logik erschließen

Gerade bei dieser Migration sieht Roland Berger ein neues Einsatzgebiet für generative und agentische KI. Sie könne Quellcode, Datenstrukturen, Konfigurationen und Batch-Logik analysieren und insbesondere dort unterstützen, wo Dokumentationen fehlten oder unvollständig seien.

Nach Darstellung der Autoren könnten KI-Systeme dabei helfen, Geschäftsregeln und Datenabhängigkeiten zu rekonstruieren und End-to-End-Abläufe abzubilden. Das erhöhe die Transparenz und könne die Abhängigkeit von knappen Legacy-Experten reduzieren. Generative KI könne zudem Testfälle erzeugen, Regressionstests automatisieren und die Abstimmung großer Datenmengen unterstützen – etwa bei aktuariellen Batch-Läufen, Finanzbuchungen und regulatorischen Reports.

Roland Berger versteht KI damit nicht erst als zusätzliche Funktion eines modernisierten Zielsystems. Sie könne bereits zum Werkzeug für die eigentliche Legacy-Migration werden. Gleichzeitig betont die Studie die Grenzen: Erklärbarkeit und Auditierbarkeit blieben ebenso erforderlich wie Human-in-the-Loop-Kontrollen und definierte Qualitäts- und Abstimmungsregeln.

Fazit: Dilemma zwischen Modernisierungsdruck und Migrationsrisiko

Die Studie zeichnet damit ein differenziertes Bild der Legacy-Modernisierung bei Versicherern. Roland Berger argumentiert klar für modernere, modulare und API-fähige Architekturen und sieht alte Kernsysteme zunehmend als Hindernis für Automatisierung, Datenzugriff und KI. Gleichzeitig macht der Report deutlich, wie teuer, langwierig und riskant ihre Ablösung sein kann.

Gerade die Empfehlungen zur Migration zeigen deshalb, dass Modernisierung nicht zwangsläufig einen vollständigen und schnellen Austausch bestehender Systeme bedeuten muss. Phasenmodelle, hybride Ansätze, „Hollowing the Core“ und der kontrollierte Run-off einzelner Bestände können ebenfalls Teil einer Transformationsstrategie sein. Entscheidend sei letztlich, welche Bestände migriert, konsolidiert, im Run-off belassen oder archiviert werden – und ob es gelingt, die über Jahrzehnte entstandenen Daten und die darin eingebettete Geschäftslogik kontrolliert in eine neue Architektur zu überführen. (td)