Das britische National Audit Office (NAO), das unabhängige Kontrollorgan für die öffentlichen Ausgaben des Vereinigten Königreichs, bewertet das abgeschlossene IT-Großprojekt der Bank of England (BoE) zur Erneuerung ihres zentralen Zahlungsverkehrssystems positiv. Das Vorhaben sei kosteneffizient umgesetzt worden und eigne sich als Blaupause für andere staatliche Digital- und Modernisierungsprojekte, berichtet „Computer Weekly“.
Im Mittelpunkt stand die Ablösung des seit 1996 betriebenen Real-Time Gross Settlement (RTGS)-Systems, über das zentrale Zahlungen im britischen Finanzsystem abgewickelt werden. RTGS gilt als Teil der kritischen nationalen Infrastruktur. Das abgelöste System basierte auf einer klassischen Mainframe-Architektur, die nach Einschätzung der Verantwortlichen die Weiterentwicklung zunehmend einschränkte.
Die Planung für das Erneuerungsprogramm begann 2017, ab 2019 nahm die Umsetzung Fahrt auf. Die Bank of England entschied sich bewusst für eine vollständige „Big-Bang“-Migration. Das modernisierte System mit dem Namen RT2 ging am 28. April 2025 live. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 431 Millionen Pfund und lagen damit etwa 15 Prozent über dem 2020 festgelegten Budget. Der NAO bewertet diese Abweichung angesichts der Komplexität und Kritikalität des Systems als vertretbar.
Abschied von Mainframe-Technologien
Mit RT2 entfernt sich die Zentralbank von traditionellen Mainframe-Technologien und setzt auf eine modularere, lose gekoppelte Architektur, gibt „Computer Weekly“ Aussagen von BoE-CIO Nathan Monk wieder. Ein zentrales Element der Modernisierung ist die Unterstützung des Nachrichtenstandards ISO 20022, der strukturiertere Daten, bessere Interoperabilität und zusätzliche Automatisierungsmöglichkeiten im Zahlungsverkehr ermöglicht. Die Zielarchitektur kombiniert Standardprodukte mit einem eigens entwickelten Kern, da marktübliche Lösungen die spezifischen Anforderungen nicht vollständig abdeckten.

Überblick über den Leistungsumfang des modernisierten RTGS-Dienstes (RT2) der Bank of England. Dargestellt sind der Zahlungsfluss von User A zu User B sowie die zentralen Funktionsbereiche, die im Rahmen des Erneuerungsprogramms modernisiert wurden. (Quelle: Bank of England, RTGS Renewal Programme)
Der Rechnungshof hebt die strikte Governance des Programms hervor. Die Bank habe komplexe Risiken und Abhängigkeiten erfolgreich gesteuert und während der Hochphase mehr als 450 Mitarbeitende eingesetzt. Als entscheidend für den Projekterfolg gilt auch die enge Abstimmung mit dem Finanzsektor, da die Umstellung nur gemeinsam mit allen angebundenen Marktteilnehmern umgesetzt werden konnte.
Abschließend empfiehlt der NAO der Bank of England, den Betrieb sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung von RT2 klar zu priorisieren, um den langfristigen Nutzen der Modernisierung zu sichern und die Entstehung neuer Legacy-Strukturen zu vermeiden.
Die RTGS-Modernisierung der Bank of England fällt in eine Phase, in der zahlreiche Zentralbanken weltweit vor ähnlichen Aufgaben stehen. Wie diese Übersicht zu ISO-20022-Migrationen bei Echtzeit-Bruttoabwicklungssystemen zeigt, befinden sich viele nationale Zahlungssysteme noch in der Umstellung oder Planung. Vor diesem Hintergrund kann das britische Vorgehen als praktische Blaupause für vergleichbare Programme dienen. (td)





