Kartenplattformen unter Druck: Legacy-Infrastruktur als Engpass?

In einem Beitrag für das Global Brands Magazine warnt der Schweizer Zahlungsverkehrssoftware-Anbieter BPC davor, dass viele europäische Banken ihre Karteninfrastruktur noch auf Plattformen betreiben würden, die für eine andere Marktrealität entwickelt worden seien. Ursprünglich für physische Karten, Batch-Verarbeitung und lange Änderungszyklen konzipiert, müssten diese Systeme heute virtuelle Karten, Mobile Wallets, Buy-Now-Pay-Later-Angebote, Echtzeitprozesse und neue regulatorische Anforderungen unterstützen.

Zur Untermauerung dieser Einschätzung verweist BPC auf aktuelle Marktdaten. So seien im Euroraum allein im ersten Halbjahr 2025 rund 77,7 Milliarden unbare Zahlungsvorgänge verarbeitet worden. Karten blieben mit einem Anteil von 57 Prozent das wichtigste bargeldlose Zahlungsmittel. Gleichzeitig nehme der Druck durch Betrugsbekämpfung, regulatorische Anforderungen und die Erwartung von Kunden an digitale Echtzeitservices kontinuierlich zu. Die Folge sei eine wachsende Lücke zwischen den Möglichkeiten vieler gewachsener Plattformen und den Anforderungen moderner Zahlungsverkehrsangebote.

Nach Einschätzung von BPC müssten moderne Kartenplattformen deshalb deutlich mehr leisten als die reine Kartenverwaltung. Gefordert seien Echtzeitfähigkeit, API-basierte Integration, Tokenisierung, Cloud-Fähigkeit sowie eine enge Verzahnung mit Fraud-Management, Mobile Banking und weiteren digitalen Kanälen. Die Modernisierung von Kartenplattformen werde damit zunehmend zu einer strategischen Aufgabe und nicht mehr nur zu einem IT-Projekt.

Einordnung: Stabilität bleibt ein wichtiger Faktor

Für Marius Letkiewicz, Kartenexperte bei DPS, greift eine pauschale Kritik an Legacy-Plattformen allerdings zu kurz. „Die Stabilität der Legacy ist aber auch ein Asset“, betont Letkiewicz. Viele etablierte Kartenplattformen würden seit Jahren zuverlässig und hochverfügbar laufen und seien für Banken geschäftskritische Systeme.

Gleichzeitig hält er die grundsätzliche Warnung des Beitrags für nachvollziehbar. Echtzeitfähigkeit, API-Integrationen, Tokenisierung, moderne Betrugsprävention und neue regulatorische Anforderungen könnten die Flexibilität älterer Architekturen zunehmend auf die Probe stellen. „Es ist die Frage, wie lange das weitere Draufpatchen noch funktioniert. Pauschal kann man das nicht beantworten“, so Letkiewicz.

Aus Sicht des Experten kommt es auf eine differenzierte Analyse der jeweiligen Plattform an. Banken müssten sorgfältig abwägen, an welchen Stellen Modernisierung notwendig sei und wie sich neue Anforderungen umsetzen lassen, ohne die Stabilität geschäftskritischer Systeme leichtfertig zu gefährden. (td)