ISO 20022: Wie gewachsene Systeme neue E&I-Strukturen sinnvoll ergänzen

Mit der Migration von Exceptions & Investigations (E&I) auf ISO 20022 und dem neuen SWIFT-Case-Management verändert sich die fachliche Struktur von Reklamationsprozessen im Zahlungsverkehr grundlegend.

In einem aktuellen Interview erläutert Steffen Grenzheuser, Senior Consultant und E&I-Experte bei DPS, dass die Einführung klar definierter Investigation Request Cases weit über ein reines Format-Upgrade hinausgeht. Gleichzeitig zeigt sich, dass gerade gewachsene Legacy-Landschaften der Finanzinstitute eine zentrale Rolle bei der praktischen Umsetzung spielen können.

Anschlussfähige Investigation Request Cases

SWIFT führt mit ISO 20022 erstmals eine fachlich eindeutige Typisierung von E&I-Fällen ein – etwa durch Cases wie UTAP (Unable to Apply by Creditor), CCNR, CONP oder verschiedene Request-Typen. Damit wird im Vorfeld klarer beschrieben, welche Fragestellung ein Case adressiert und welche Informationen zur Beantwortung benötigt werden. Nach Einschätzung von Payment-Experte Udo Browarczik entsteht genau an dieser Stelle eine neue Anschlussfähigkeit für bestehende Systeme.

Denn die dafür relevanten Daten sind in Banken in der Regel längst vorhanden. Kunden- und Konto-Stammdaten, Buchungsinformationen, Status- und Valutadaten liegen in etablierten Kernbank- und Zahlungsverkehrssystemen strukturiert vor. Browarczik erläutert gegenüber dem „Legacy IT Center“: „Für UTAP-Anfragen können beispielsweise bekannte Prüf- und Matching-Logiken genutzt werden, die in ähnlicher Form bereits aus anderen Kontexten bekannt sind.“ CCNR- oder CONP-Cases ließen sich über Abfragen entlang des Buchungswegs fachlich einordnen, während Request-Cases auf Informationen zurückgreifen, die in den bestehenden Systemen ohnehin geführt würden.

Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, Legacy IT „abzulösen“ oder Prozesse zu vereinfachen, indem Arbeit ausgelagert wird. Vielmehr beschreibt Udo Browarczik ein Zusammenspiel: Die neuen ISO-20022-Cases liefern die fachliche Struktur und den Kontext, während die gewachsenen Altsysteme weiterhin als führende Daten- und Prozessinstanzen fungieren. Sie wissen, wo relevante Informationen liegen, wie sie ermittelt werden und welche Abhängigkeiten bestehen.

Gezielte Verknüpfung mit SWIFT Case Management

Technisch bedeutet das, dass viele der benötigten Abfragen nicht neu entwickelt werden müssen. In vielen Instituten existieren sie bereits oder werden heute manuell genutzt. Durch eine gezielte Verknüpfung mit dem SWIFT Case Management lassen sich diese Fähigkeiten nutzbar machen, ohne tief in die Kernarchitektur einzugreifen. Eine vollständig automatisierte End-to-End-Bearbeitung aller E&I-Fälle ist kurzfristig zwar nicht überall realistisch, doch erlaubt dieser Ansatz eine schrittweise Weiterentwicklung entlang klar definierter Case-Typen.

Aus Sicht der Payments-Experten von DPS entsteht so ein pragmatisches Zielbild: Das neue Case-Management auf Basis von ISO 20022 wird nicht als Bruch mit der bestehenden IT verstanden, sondern als zusätzliche fachliche Schicht. Legacy-Systeme bleiben zentrale Daten- und Prozessanker, während die neuen SWIFT-Strukturen helfen, E&I-Fälle konsistenter zu klassifizieren und gezielter zu bearbeiten. Gerade in historisch gewachsenen Zahlungsverkehrslandschaften eröffnet diese Kombination neue Spielräume – ohne den Anspruch, bestehende Systeme grundsätzlich neu zu erfinden. (td)

 

Aktuell läuft eine Marktbefragung zur Umsetzung von ISO 20022 im Bereich Exceptions & Investigations (E&I). Die von DPS gestartete Erhebung richtet sich an Banken, Dienstleister und Lösungsanbieter und beleuchtet Umsetzungsstände, Herausforderungen und Planungen.