ISO 20022: Lackmustest für Legacy IT der Banken

Warum Banken nach der Compliance-Phase ihre Legacy IT adressieren müssen, um ISO 20022 strategisch zu nutzen

ISO 20022 wird von zahlreichen Marktbeobachtern als eines der zentralen Payments-Themen für 2026 eingeordnet. So verweist Deloitte darauf, dass sich der Fokus im Zahlungsverkehr spürbar verschiebt: Nach der erfolgreichen Umsetzung regulatorischer Mindestanforderungen rückt nun das Heben der Mehrwerte strukturierter Daten in den Vordergrund. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liege nicht mehr in der Migration selbst, sondern in der Fähigkeit, ISO-20022-Daten effizient zu verarbeiten und gezielt zu nutzen.

Diese Einschätzung teilen auch die Berater von RedCompass Labs, die den aktuellen Stand der ISO-20022-Einführung als „end of the beginning“ beschreiben. Mit Blick auf 2026 verweisen die Experten auf weitere substanzielle Änderungen – etwa den Wegfall unstrukturierter Adressdaten in CBPR+ sowie die fortlaufende Weiterentwicklung internationaler Rulebooks. ISO 20022 werde damit endgültig zum operativen Standard, dessen Wirkung weit über den reinen Zahlungsverkehr hinausreicht.

ISO 20022 als strategische Grundlage für datenbasierte Services

Auch der Payments Outlook 2026 von Bottomline ordnet ISO 20022 klar als strategische Grundlage für Effizienz, Automatisierung und datenbasierte Services ein. Entscheidend sei, ob Banken Datenqualität, Governance und Prozesse ganzheitlich beherrschen – andernfalls bleibe ISO 20022 ein kostenintensiver Pflichtstandard ohne nachhaltigen Nutzen.

In eine ähnliche Richtung argumentiert zeb Consulting. In ihrer Analyse betonen die Berater, dass der eigentliche Mehrwert von ISO 20022 erst dann entsteht, wenn strukturierte Daten nicht nur transportiert, sondern systematisch ausgewertet und in bankinterne Steuerungs- und Kontrollprozesse integriert werden. ISO 20022 werde damit zu einem Instrument der Banksteuerung – vorausgesetzt, die technologische Basis ist entsprechend aufgestellt.

Für die Payments-Experten von DPS rückt zudem der Bereich Exceptions & Investigations (E&I) als nächste große Herausforderung in den Fokus. ISO-20022-basierte Nachrichten verändern Reklamations- und Klärungsprozesse grundlegend – und zwar unabhängig davon, ob Banken direkt an GPI oder vergleichbare Initiativen angebunden sind. Betroffen sind alle Institute, die Reklamationen und Rückfragen im Zahlungsverkehr bearbeiten. In der Praxis bedeute das: „Bestehende Workflows, Schnittstellen und Systeme müssen kritisch überprüft und in vielen Fällen neu konzipiert werden.“

ISO-20022-Mehrwerte und Legacy IT untrennbar verbunden

Genau an diesem Punkt verdichten sich die Argumente aus Marktanalysen und Praxis zu einer zentralen Erkenntnis: Das Heben der Mehrwerte von ISO 20022 ist untrennbar mit dem Umgang mit Legacy IT verbunden. Viele Banken verfügen im Zahlungsverkehr über hochkritische, über Jahrzehnte gewachsene Systeme, in denen fachliche Logik, Datenmodelle und Sonderprozesse tief verankert sind. Diese Strukturen sind stabil und leistungsfähig – zugleich aber häufig nicht darauf ausgelegt, die Granularität und Durchgängigkeit moderner ISO-20022-Daten voll auszuschöpfen.

In vielen Instituten werden Altsysteme bislang umgangen oder durch zusätzliche Schichten überlagert – mit dem Ergebnis wachsender Komplexität statt messbarer Effizienzgewinne. Analysen aus dem Legacy-IT-Umfeld machen deutlich, dass nachhaltiger Mehrwert nur dann entsteht, wenn Legacy-Strukturen bewusst weiterentwickelt, konsolidiert und in eine klare Zielarchitektur eingebettet werden.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um ein pauschales Ablösen bewährter Kernsysteme. Gerade im Zahlungsverkehr erfüllen viele Legacy-Plattformen nach wie vor zentrale fachliche Funktionen und sind hochstabil im Betrieb. Zum Problem werden sie dort, wo Datenmodelle, Governance-Strukturen und Prozesslogiken nicht auf die Anforderungen moderner Standards wie ISO 20022 ausgerichtet sind. In einem unserer Interviews wurde deutlich, dass genau diese fehlende Ausrichtung dazu führt, dass strukturierte Daten ihr Potenzial nicht entfalten können – insbesondere in Ausnahme- und Klärungsprozessen.

Fazit: ISO 20022 ist 2026 nicht nur ein Payments-Thema, sondern ein Lackmustest für den strategischen Umgang mit Legacy IT. Banken, die den Schritt von der Compliance zum Mehrwert gehen wollen, müssen ihre kritischen Zahlungsverkehrssysteme aktiv gestalten. Andernfalls bleibt ISO 20022 ein ambitionierter Standard – dessen Potenzial im Tagesgeschäft ungenutzt verpufft. (td)