Legacy-Systeme prägen die IT-Landschaften vieler Versicherungsunternehmen seit Jahrzehnten. Gleichzeitig stehen die Unternehmen vor der Herausforderung, gewachsene Anwendungen weiter zu betreiben, zu modernisieren oder schrittweise zu ersetzen. Wie die Assekuranz heute mit diesen Systemen umgeht und welche Trends sich in der Branche abzeichnen, erläutert Prof. Dr. David Klotz, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule der Medien Stuttgart. Im Gespräch mit dem „Legacy IT Center“ spricht er unter anderem über Modernisierungsstrategien, Eigenentwicklungen in der Assekuranz und die Rolle von KI im Umgang mit Bestands-IT.
Herr Prof. Klotz, Sie sind inhaltlich verantwortlich für die Veranstaltung Legacy IT in der Versicherungswirtschaft, die von den Versicherungsforen Leipzig ausgerichtet wird. Was ist das für eine Veranstaltung, und an wen richtet sie sich ganz konkret?
Die Veranstaltung widmet sich dem Umgang mit gewachsenen Systemen in Versicherungsunternehmen, die wir häufig als „Altsysteme“ oder auch „Legacy-Systeme“ bezeichnen. Da Versicherungen bereits sehr früh damit begonnen haben, IT-Systeme zur Unterstützung ihrer Aufgaben einzusetzen, haben viele ein heterogenes Portfolio von IT-Systemen – vom Großrechner bis zu Microservices ist häufig alles zu finden. Im Rahmen der Veranstaltungen besprechen wir die unterschiedlichen Herausforderungen, die dies mit sich bringt, und tauschen uns über Lösungsansätze aus.
Werfen wir den Blick auf die kommende Ausgabe am 23. April 2026: Welche inhaltlichen Schwerpunkte stehen in diesem Jahr im Fokus, und welche Fragestellungen beschäftigen die Versicherer aktuell besonders?
Wir haben auch bei der diesjährigen Veranstaltung wieder einen guten Mix aus technischen und nicht-technischen Vorträgen, etwa von der Zurich Gruppe, der Nürnberger Versicherung und vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE). Einen inhaltlichen Schwerpunkt setzen wir ganz bewusst nicht, sondern bieten den beteiligten Unternehmen den Raum, über das zu sprechen, was aus ihrer Sicht wichtig im Umgang mit Legacy IT ist. Im Vordergrund steht vor allem der gegenseitige Austausch, denn jeder hat zwar seine eigenen Herausforderungen, kann aber viel lernen von den Erfahrungsberichten der anderen.

Vortrag von Melanie Mierau (HanseMerkur Reiseversicherung) und Kathrin Nölter (red6 enterprise software) auf der Fachkonferenz „Legacy IT in der Versicherungswirtschaft“ am 7. Mai 2025 (Foto: Versicherungsforen Leipzig)
Sie kuratieren nun seit rund fünf Jahren Veranstaltungen zu IT-Themen bei Versicherern. Wenn Sie diesen Zeitraum betrachten: Haben Sie bestimmte Trends oder Veränderungen im Umgang mit Legacy IT in der Versicherungswirtschaft beobachtet?
In den letzten Jahren ging der Trend eher stärker in Richtung einer umfassenden Modernisierung oder sogar einer Ablösung von Altsystemen, anstatt sie nur stabil zu betreiben. Dahinter stecken häufig strategische Ziele, zum Beispiel eine höhere Agilität oder niedrigere Kosten durch höhere Automatisierung. In aller Regel werden (Teil-)Funktionen von Legacy-Anwendungen dann in die Cloud migriert, weshalb wir im Rahmen der IT-Woche auch eine separate Veranstaltung „Cloud-Einsatz in Versicherungen“ anbieten. Als jüngster Trend gewinnt auch beim Umgang mit Legacy-Anwendungen die Nutzung von KI zunehmend an Bedeutung.
Im Vorgespräch haben Sie die Assekuranz als eine Branche beschrieben, die stark von Eigenentwicklungen geprägt ist und vergleichsweise wenig standardisierte Lösungen nutzt. Welche Auswirkungen hat diese Ausgangslage auf den Umgang mit Legacy-Systemen und auf Modernisierungsstrategien?
Viele eigenentwickelte Anwendungen haben eine strategisch sehr hohe Bedeutung für das jeweilige Unternehmen. Sie sind meist über mehrere Jahrzehnte gewachsen und haben sich ideal an die betrieblichen Anforderungen angepasst. Dementsprechend sind sich diese Unternehmen bewusst, wie sensibel ein umfassender Eingriff an dieser Stelle ist. Wenn man sich entscheidet, ein Altsystem abzulösen, stellt sich natürlich die zentrale Frage, ob man es durch eine Standardlösung oder eine moderne Eigenentwicklung ersetzen möchte. Diese „Make-or-Buy“-Entscheidung begleitet die Nutzung betrieblicher Anwendungen schon seit jeher. Während noch vor einigen Jahren eine vermehrte Tendenz hin zu Standardsoftware zu erkennen war, sind durch die Unterstützung von KI bei der Softwareentwicklung zuletzt die Kosten und der Zeitbedarf einer Eigenentwicklung deutlich gesunken.
Sie kommen ursprünglich aus der Wirtschaftsinformatik und haben selbst große IT- und Migrationsprojekte begleitet, unter anderem im Konzernumfeld. Wie sind Sie persönlich zum Thema Legacy IT gekommen, und warum begleitet es Sie bis heute so intensiv?
Viele meiner vergangenen Projekte haben sich im Kern um die Ablösung bestehender Systeme gedreht. Im Vergleich zu einer „Greenfield-Implementierung“ sind diese Projekte deutlich anspruchsvoller, sowohl aus technischer als auch menschlicher Sicht. Bei der Technik können wir inzwischen auf bewährte Ansätze zurückgreifen, zum Beispiel das sogenannte „Strangler-Fig-Pattern“ als Vorgehensmodell zur schrittweisen Ablösung von Systemen. Aber das Change Management, also die strukturierte Begleitung eines solchen Projekts und das Management der Erwartungen der unterschiedlichen Ansprechpartner, das ist jedes Mal aufs Neue sehr herausfordernd. Das verleiht diesen Projekten einen besonderen Reiz – für mich sind sie so etwas wie die „Königsdisziplin“ der Wirtschaftsinformatik.
Im Vorgespräch sprachen Sie ein Phänomen an, das viele Unternehmen überrascht: Nach abgeschlossenen Migrations- oder Ablöseprojekten kommt es nicht selten zu einem zweiten Widerstand – Anwender lehnen die modernisierten Systeme ab. Woran liegt dieser „zweite Backlash“ aus Ihrer Sicht, und was wird in solchen Projekten häufig unterschätzt?
Ja, dieses Phänomen konnte ich vielfach in Migrationsprojekten beobachten. Häufig war das nachvollziehbar: Man wechselt von einem Kleidungsstück, das über die Jahre perfekt gepasst hat, zu einem neuen, das meist zu Beginn nicht ansatzweise so gut sitzt. Für die Anwender bedeutet es häufig eine Umstellung der gewohnten Abläufe. Gerade hier ist gutes Change Management wichtig, das die betroffenen Anwender in das Projekt mit einbezieht und sie bei der Umstellung nicht allein lässt. Zudem sollte man sich bewusst machen, dass eine solche Transformation nicht mit dem Go-live der neuen Lösung abgeschlossen ist, sondern meist noch einiges an Nacharbeiten erfordert.
Sie lehren an der Hochschule der Medien Stuttgart in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und Business Analytics. Wo liegen derzeit die Interessen der Studierenden, welche Technologien stehen im Fokus?
Die Studierenden haben sehr häufig ein allgemeines Interesse an Technik und nehmen die aktuellen Trends, zum Beispiel im Bereich KI, sehr gut wahr. Viele nutzen große Sprachmodelle sowohl im Studium als auch privat und besitzen über einige Erfahrung, zum Beispiel im Prompting oder dem Orchestrieren von KI-basierten Workflows. Zur Euphorie in Anbetracht der vielen neuen Möglichkeiten mischt sich aber auch ein wenig die Sorge, dass es zukünftig weniger IT-Jobs, insbesondere für Berufseinsteiger, geben wird.
Sehen Sie in diesen Entwicklungen Anlass zur Sorge, etwa mit Blick auf Fachkräfte für komplexe Bestands-IT?
Ich bin überzeugt, dass KI viele Tätigkeiten und Abläufe in den IT-Abteilungen verändern wird. An manchen Stellen zeichnet sich bereits heute ab, dass eine KI-Unterstützung Prozesse um ein Vielfaches beschleunigt. Wir werden daher mit der gleichen Teamgröße in Zukunft deutlich mehr Arbeit erledigen können. Gleichzeitig sehe ich, dass es kaum einem Unternehmen an Arbeit mangelt, insbesondere nicht im Umfeld von komplexer Bestands-IT. Wir haben dort eher die Situation, dass sich über die Jahre hohe „technische Schulden“ angehäuft haben, also Aufgaben, die wir eigentlich abarbeiten müssten, aber stets vor uns herschieben, da es immer wichtigere Aufgaben gibt. Mit KI verbinde ich daher zunächst die Hoffnung, dass es tatsächlich gelingt, diesen Berg an Arbeit wieder etwas zu verkleinern.
Vielen Dank für das Gespräch! (td)
Kurzvita – Prof. Dr. David Klotz
Prof. Dr. David Klotz ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM). Zuvor war er unter anderem bei PwC als Senior Manager sowie bei IBM als Senior Managing Consultant tätig. Frühere Stationen führten ihn zu Bosch, wo er mehrere Jahre in IT- und Transformationsprojekten arbeitete, zuletzt als Projektleiter. Neben seiner Lehrtätigkeit engagiert er sich in der Versicherungsbranche und arbeitet mit den Versicherungsforen Leipzig zusammen, unter anderem als fachlicher Leiter der User Group „IT-Management im Versicherungsunternehmen“.
Über die Versicherungsforen Leipzig
Die Versicherungsforen Leipzig sind ein Netzwerk- und Beratungsunternehmen für die Versicherungswirtschaft. Sie organisieren Studien, Workshops und Fachveranstaltungen zu aktuellen Themen der Branche – von Digitalisierung und IT bis zu neuen Geschäftsmodellen. Im Rahmen der IT-Woche der Versicherungsforen Leipzig findet am 23. April 2026 auch die Fachveranstaltung „Legacy IT in der Versicherungswirtschaft“ statt. Die Konferenz widmet sich Strategien zum Umgang mit gewachsenen IT-Systemen in Versicherungsunternehmen und bietet eine Plattform für den Austausch zwischen IT-Verantwortlichen und Experten aus der Branche.

Keynote von Prof. Dr. André Liebscher (Hochschule Kaiserslautern) für die Fachkonferenzen KI und selbstlernende Systeme, IT-Sicherheitsmanagement und Legacy IT im Rahmen der IT-Woche der Versicherungsforen Leipzig 2025. (Foto: Versicherungsforen Leipzig)





