Dino Legacy Lessons von Uwe Graf

„German Angst“ in der IT: Wenn „Legacy“ zum Schreckgespenst wird

Die Diskussion um „Legacy-Technologien“ ist in Deutschland auffallend emotional. Kaum ein Begriff wird so reflexhaft verwendet, kaum einer so pauschal abwertend eingesetzt. „Legacy“ steht nicht nur für alt, sondern für riskant, unflexibel und angeblich nicht zukunftsfähig. Diese Haltung ist weniger ein technisches Urteil als ein kulturelles Muster – ein Ausdruck dessen, was oft als „German Angst“ bezeichnet wird.

German Angst beschreibt die Neigung, Risiken zu überbetonen, Worst-Case-Szenarien in den Mittelpunkt zu stellen und Sicherheit höher zu gewichten als rationale Abwägung. In der IT zeigt sich dieses Muster besonders deutlich im Umgang mit etablierten Technologien. Was lange im Einsatz ist, wird nicht als bewährt, sondern als potenzielle Gefahr wahrgenommen. Alter wird mit Risiko gleichgesetzt, Stabilität mit Stillstand.

Der Mainframe ist eines der prominentesten Beispiele. Obwohl moderne Mainframe-Architekturen hochskalierbar, sicher und effizient sind, werden sie häufig als überholt betrachtet. APIs, Linux-Workloads, Container und Hybrid-Cloud-Szenarien sind dort seit Jahren produktiver Standard, doch das Bild des „alten Systems“ hält sich hartnäckig. Die Angst vor Abhängigkeit, vor vermeintlich fehlender Zukunftsfähigkeit oder vor mangelnder Kontrolle überwiegt oft die nüchterne Betrachtung der Architektur.

COBOL, PL/I und HLASM als Risikofaktoren?

Diese Angst richtet sich nicht nur gegen Plattformen, sondern ebenso gegen Programmiersprachen. COBOL, PL/I und HLASM werden in vielen Diskussionen als Risikofaktoren dargestellt, weniger wegen ihrer tatsächlichen technischen Eigenschaften als wegen ihres Alters. Dabei sind sie tief in moderne Entwicklungs- und Betriebsmodelle integriert, werden mit zeitgemäßen Toolchains, CI/CD-Pipelines und DevOps-Praktiken genutzt und sind über APIs nahtlos in hybride Architekturen eingebunden. Künstliche Intelligenz unterstützt inzwischen Analyse, Qualitätssicherung und gezielte Modernisierung dieser Codebasen. Die pauschale Ablehnung dieser Technologien ist weniger technisch begründet als kulturell geprägt.

Auffällig ist der Kontrast zu sogenannten modernen Stacks. In vielen Unternehmen laufen monolithische Anwendungen, häufig in Java oder vergleichbaren Sprachen, die seit Jahrzehnten gewachsen sind, hochkomplexe Abhängigkeiten aufweisen und kaum wartbar sind. Trotz offensichtlicher architektonischer Defizite werden sie selten als Legacy bezeichnet. Der moderne Klang der Technologie wirkt beruhigend und reduziert die wahrgenommene Unsicherheit, ein typischer Mechanismus der German Angst.

Legacy entsteht durch Entscheidungen

Dabei ist Legacy kein Attribut einer Technologie. Legacy entsteht durch Entscheidungen: durch fehlende Modularisierung, durch aufgeschobene Modernisierung, durch mangelnde Dokumentation und fehlende Verantwortung für den Lebenszyklus von Software. Diese Faktoren sind unabhängig von Plattform und Programmiersprache. Sie lassen sich nicht durch neue Labels oder durch radikale Ablösung vermeintlich „alter“ Systeme beheben.

Die starke Fokussierung auf das Alter von Technologien lenkt vom eigentlichen Thema ab: Architektur. Gute Architektur schafft Stabilität, Anpassungsfähigkeit und langfristige Modernisierbarkeit, unabhängig davon, wie alt die zugrunde liegenden Komponenten sind. Schlechte Architektur bleibt schlecht, auch wenn sie mit den neuesten Buzzwords versehen wird.

Der Mainframe und die mit ihm verbundenen Sprachen sind keine Oldtimer, sondern Nutzfahrzeuge moderner IT-Landschaften. Sie stehen für technische Reife, Verlässlichkeit und die Fähigkeit zur kontinuierlichen Weiterentwicklung im laufenden Betrieb. Dass sie dennoch oft als Risiko wahrgenommen werden, sagt weniger über ihre technische Realität aus als über die kulturelle Angst, sich langfristig zu binden und Verantwortung für gewachsene Systeme zu übernehmen.

Die pauschale Ablehnung von Legacy-Technologien ist damit kein Zeichen von Modernität, sondern ein Ausdruck von Unsicherheit. Wer Technik primär aus Angst vor dem Alten bewertet, verliert den Blick für Struktur, Qualität und nachhaltige Architektur. Gerade in einer Zeit wachsender Komplexität wäre es sinnvoller, German Angst durch technische Rationalität zu ersetzen – und Architektur wieder über Buzzwords zu stellen.

 

Über den Autor: Uwe Graf ist Lead Modernization Architect bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet