Das Nomura Research Institute (NRI) beschreibt in einem aktuellen Beitrag, warum viele Unternehmen bei der Modernisierung ihrer Legacy-Systeme nur langsam vorankommen. Ausgangspunkt ist das in Japan geprägte Warnbild des sogenannten „Digital Cliff“ – gemeint ist der Punkt, an dem veraltete IT-Strukturen zum strategischen Risiko werden. Die Analyse zielt jedoch ausdrücklich auf grundsätzliche organisatorische und methodische Probleme, die auch außerhalb Japans relevant sind.
Als erste zentrale Hürde wird in der Veröffentlichung die mangelnde Abstimmung zwischen IT, Management und Fachbereichen genannt. Während IT-Abteilungen den Handlungsdruck früh erkennen würden, fehle auf Managementebene häufig ein vergleichbares Problembewusstsein. Der Nutzen von Modernisierung lasse sich oft nur schwer quantifizieren, weshalb entsprechende Vorhaben primär als Kosten wahrgenommen würden. Das NRI argumentiert, dass Legacy-Modernisierung vor allem der Risikoreduktion dient – etwa im Hinblick auf Betriebssicherheit, Fachkräftemangel oder regulatorische Anpassungen – und auch so kommuniziert werden müsse.
Unzureichende Transparenz über bestehende Systeme
Ein weiteres Problem sieht das Institut in der unvollständigen Analyse des Ist-Zustands. In vielen Projekten würden Zielarchitekturen definiert, ohne bestehende Funktionen, Abhängigkeiten und historische Anforderungen vollständig zu verstehen. Fehlende Dokumentationen und der Verlust von Expertenwissen führten dazu, dass funktionale Lücken erst spät erkannt würden. Die beiden Autoren verweisen auf den zunehmenden Einsatz KI-gestützter Analysewerkzeuge, betonen jedoch, dass deren Ergebnisse fachlich geprüft werden müssen.
Komplexität großer Modernisierungsvorhaben
Als dritte Herausforderung beschreibt das NRI die Steuerung groß angelegter Modernisierungsprojekte. Lange Laufzeiten, parallele Teilprojekte und viele Beteiligte erhöhten das Risiko von Inkonsistenzen und Qualitätsproblemen. Empfohlen wird eine Aufteilung in überschaubare Einheiten, kombiniert mit klarer Gesamtverantwortung sowie einheitlichen Regeln für Migration, Tests und Projektsteuerung.
Der Begriff „Digital Cliff“ geht auf frühere Analysen des japanischen Wirtschaftsministeriums METI zurück. METI hatte davor gewarnt, dass Unternehmen ohne einen strukturierten Umgang mit Legacy IT erhebliche Wettbewerbsnachteile riskieren könnten. Das Legacy IT Center hatte bereits über konkrete japanische Gegenmaßnahmen berichtet, etwa über das Joint Venture COBOL Park. Der aktuelle NRI-Beitrag ergänzt diese Perspektive um eine abstrahierte Analyse und macht deutlich: Das Digital Cliff ist weniger ein japanisches Sonderthema als eine Frage von Steuerung, Priorisierung und Transparenz in der IT-Modernisierung. (td)





