„Die Systemumgebung Mainframe ist in Studium und Ausbildung unsichtbar“

Zum Auftakt unserer Interview-Serie sprechen wir mit Carsten Siedentop, einem erfahrenen IT-Consultant, der seit über 30 Jahren in der Banken- und Versicherungsbranche tätig ist, über die Zukunft des Mainframes, die Bedeutung von Legacy-Anwendungen und seine Herangehensweise bei der Wissensvermittlung alter Programmiersprachen an junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

„Der Mainframe ist ein Auslaufmodell. In fünf Jahren ist der Host tot.“ Wie reagieren Sie, Herr Siedentop, wenn Sie mit solchen oder ähnlichen Aussagen konfrontiert werden?

Jeder, der im Bereich Legacy IT unterwegs ist, kennt diesen Satz. Schon Ende der 1980er Jahre, als PCs unternehmenstauglich wurden, war diese Einschätzung oft zu hören. Inzwischen ist klar, dass die damaligen Aussagen falsch waren. Aber ist diese Aussage deshalb auch heute falsch? Nein! Ein Mainframe ist heute ein Auslaufmodell, weil es an Personal fehlt, das darauf noch arbeiten kann. Aber es wird noch 10 bis 20 Jahre dauern, bis er abgelöst ist. Seit ca. 20 Jahren ist die Systemumgebung eines Mainframes in Studium und Ausbildung unsichtbar. Zwar könnte man COBOL und andere typische Sprachen auch auf Windows oder Linux vermitteln, aber die Sprache hat gegen moderne und aktuelle Themen in der Ausbildung keine Chance. Deshalb muss jeder neue Mitarbeiter im Bereich COBOL/Mainframe zeitintensiv vom jeweiligen Unternehmen ausgebildet werden. Aber durch wen? Es gibt ja auch kaum noch IT-Trainer, die das machen könnten.

Warum dauert die Ablösung des Host so lange?

Programme, die heute noch auf einem Großrechner laufen, sind in der Regel unternehmenskritisch, wie z.B. Inkasso, Bestandsführung. Eine Migration solcher Programme muss gut getestet werden und dazu braucht man Personal – und das ist knapp. Es könnte schneller gehen, wenn es für die Anwendungen auf dem Großrechner schon automatisierte Tests geben würde. Das hätte man in den letzten 20 Jahren schon tun können. Auch die Bereitstellung von Testdaten ist ein komplexes Thema, zumal wenn in das Gesamtsystem noch Systeme wie SAP eingebunden sind, bei denen man nicht „mal eben“ einen Datenbestand einspielen kann.

In welchen Branchen/Unternehmen sind Legacy-Anwendungen hierzulande weiterhin Rückgrat der IT-Infrastruktur und was ist dabei die bestimmende Programmiersprache?

Ich denke, ich kann das relativ genau einschätzen, da ich durch viele Schulungen Einblicke in diese Unternehmen gewonnen habe. Alle Firmen und Institutionen, die schon in den 1980er Jahren Massendaten verarbeiten mussten, setzen weiterhin auf Legacy-Anwendungen. Das sind Banken, Versicherungen, der Handel, die Industrie im kaufmännischen Bereich, die öffentliche Hand und auch der Verkehrsbereich. Die Mainframe-Programme sind zu 80 bis 90 Prozent in COBOL programmiert. Nur vereinzelt sind Fortran und PL1 anzutreffen. Auch Assembler spielt nur eine sehr kleine Rolle.

Wie würden Sie den typischen Senior Software Engineer in deutschen Unternehmen charakterisieren?

Gibt es den typischen Entwickler? [lacht] Nach meiner Beobachtung gibt es am Markt hauptsächlich festangestellte Legacy-IT-Experten bzw. Entwickler. Andere sind hingegen freiberuflich tätig. Die Festen sind meist länger als 20 Jahre in der Beschäftigung und haben große Erfahrung auf einzelnen Alt-Systemen gesammelt. Sie haben eher wenig Technologiewissen in der Nicht-Großrechner-Welt, weil sie gar keine Gelegenheit haben, sich Wissen in der Nicht-Großrechnerwelt aufzubauen.

Freiberufler sind nach meiner Beobachtung technologisch etwas breiter aufgestellt, weil sie auch in verschiedenen Unternehmen und damit auf unterschiedlichen Systemen tätig sind. Ein kleiner Teil der Entwickler – nach meiner Beobachtung eher jüngere Experten – kennen sich sowohl in der neuen Welt als auch auf dem Großrechner auskennen, weil sie während eines dualen Studiums die Chance hatten, beide Welten kennenzulernen.

Herr Siedentop, Sie bieten u.a. COBOL-Schulungen für junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von hiesigen Unternehmen an. Was ist hier Ihre Herangehensweise bei der Wissensvermittlung?

Ganz wichtig ist, die emotionale Distanz zum Großrechner abzubauen. Es geht darum, Lust zu wecken und Vorurteile abzubauen. Womöglich weckt man mit der bloßen Präsenz als erfahrener grauhaariger Trainer schon Vorurteile. [lacht] Ich muss mit Kompetenz punkten. Ich muss auf die Fragen der Schulungsteilnehmer eingehen können – z.B. dazu, wie eine in Python oder Java programmierte Applikation in COBOL abgebildet werden kann. Mit COBOL kann ich keine Weboberflächen abbilden bzw. Apps für mobile Endgeräte programmieren. Das ist schade, vor allem auch deshalb, weil junge Leute dann nichts in der Hand haben, das sie Freunden und Bekannten zeigen können. Ich muss in einer COBOL-Schulung eben auch vermitteln, dass elementare IT-Prozesse des Alltags – etwa die eigene Gehaltsabrechnung oder eine Banküberweisung – über Mainframe-Anwendungen abgewickelt werden. Die eigentliche Vermittlung der Programmiersprache ist nach meiner Erfahrung eher leicht.

Wie bewerten Sie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Wissensvermittlung alter Programmiersprachen?

Aus meiner Sicht erleichtern KI-Tools das Lernen von COBOL & Co. definitiv. Bei einfachen Aufgabenstellungen bekomme ich etwa von ChatGPT direkt Code vorgeschlagen, der in den meisten Fällen funktioniert. KI ist nach aktuellem Stand aber kein Werkzeug, um selbständig und autonom Probleme zu lösen. Ich rate allen Programmiererinnen und Programmieren, KI-Tools zu erkunden und zu einem Bestandteil der täglichen Arbeit zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Kurzvita Carsten Siedentop

Carsten Siedentop ist seit über 30 Jahren als freiberuflicher IT-Consultant in der Banken- und Versicherungsbranche tätig. Er verfügt über umfassende Erfahrung in verschiedenen Programmiersprachen und Technologien, darunter mehr als 30 Jahre COBOL-Expertise und mehr als 20 Jahre Erfahrung in Java und XML. Diese langjährige Erfahrung und sein breites Wissen machen ihn zu einem gefragten Berater und Trainer in der IT-Branche.

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