Dino Legacy Lessons von Uwe Graf

COBOL, KI und Kursreaktionen: Warum Legacy IT mehr Substanz hat als die Schlagzeile

Die jüngste Berichterstattung über KI-gestützte Modernisierung von COBOL-Systemen und die darauf folgende Kursreaktion bei IBM offenbart ein bekanntes Muster. Eine technologische Ankündigung trifft auf einen nervösen Kapitalmarkt. Kommentatoren erklären daraufhin das Ende einer Ära. Zurück bleibt der Eindruck, als stünde die tragende Säule geschäftskritischer IT kurz vor dem Kollaps.

Diese Interpretation greift zu kurz.

COBOL ist kein sentimentales Relikt aus der Frühzeit der Datenverarbeitung. COBOL ist bis heute das Rückgrat zentraler Wertschöpfungsprozesse in Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen und im öffentlichen Sektor. Zahlungsverkehr, Policierung, Bestandsführung, Leistungsabrechnung und Meldewesen laufen in vielen Organisationen auf gewachsenen, hochgradig stabilen Mainframe-Umgebungen. Diese Systeme wurden nicht aus Bequemlichkeit konserviert, sondern weil sie über Jahrzehnte hinweg Zuverlässigkeit, Performance und regulatorische Sicherheit bewiesen haben.

Wer COBOL pauschal als „Museumsstück“ bezeichnet, verwechselt technologischen Zeitgeist mit betrieblicher Realität.

Die Ankündigung, dass moderne KI-Werkzeuge bei der Analyse, Dokumentation und Transformation von COBOL-Code unterstützen können, ist zunächst eine positive Entwicklung. Der Fachkräftemangel im Mainframe-Umfeld ist real. Die Komplexität historisch gewachsener Codebasen ist hoch. Dokumentation ist häufig lückenhaft. KI kann hier Transparenz schaffen, Abhängigkeiten identifizieren und Migrationspfade strukturieren. Das steigert Effizienz und reduziert Risiken.

Was KI jedoch nicht ersetzt, ist das Verständnis der zugrunde liegenden Geschäftslogik. In vielen Kernsystemen stecken Jahrzehnte impliziten Fachwissens. Geschäftsregeln wurden nicht nur programmiert, sondern im Kontext regulatorischer Anforderungen, Marktgegebenheiten und strategischer Entscheidungen implementiert. Diese Logik lässt sich nicht isoliert vom Code betrachten. Sie ist integraler Bestandteil des Geschäftsmodells.

Eine automatisierte Übersetzung von COBOL in eine moderne Programmiersprache erzeugt noch keine moderne Architektur. Eine syntaktische Transformation ersetzt keine fachliche Validierung. Und ein beschleunigter Migrationsprozess entbindet nicht von Governance, Testtiefe und Risikomanagement.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Gleichsetzung von Aktienkurs und Unternehmenssubstanz problematisch. Ein Kursrückgang bei IBM nach einer KI-Ankündigung reflektiert in erster Linie Markterwartungen und kurzfristige Bewertungsmodelle. Kapitalmärkte reagieren auf Narrative, nicht ausschließlich auf operative Kennzahlen. Shareholder Value ist eine Momentaufnahme kollektiver Einschätzung. Business Value entsteht durch belastbare Kundenbeziehungen, stabile Cashflows und strategische Relevanz im Markt.

Beides ist nicht identisch.

Die öffentliche Diskussion neigt dennoch dazu, jede technologische Innovation als Disruption im Sinne einer vollständigen Verdrängung zu interpretieren. Dieser Reflex ist verständlich. Er erzeugt Aufmerksamkeit. Er generiert Klicks. Er vereinfacht komplexe Zusammenhänge. Für Entscheider in der Legacy IT ist er jedoch wenig hilfreich.

COBOL wird nicht deshalb obsolet, weil KI seine Modernisierung erleichtert. Im Gegenteil. Die Fähigkeit, bestehende Systeme kontrolliert weiterzuentwickeln und schrittweise zu transformieren, stärkt die strategische Handlungsfähigkeit von Organisationen. Wer über stabile Kernsysteme verfügt, kann Innovation gezielt an den Rändern aufbauen. Wer sein Fundament leichtfertig infrage stellt, riskiert operative Instabilität.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI COBOL ersetzt. Die relevante Frage lautet, wie KI verantwortungsvoll in Modernisierungsstrategien integriert wird. Es geht um kontrollierte Transformation statt radikaler Abrissmentalität. Es geht um Evolution statt Revolution.

Legacy IT ist kein Bremsklotz der Digitalisierung. Sie ist in vielen Fällen deren Voraussetzung. Moderne Frontends, API-Ökosysteme und datengetriebene Geschäftsmodelle bauen häufig auf jahrzehntelang optimierten Kernsystemen auf. Wer diesen Zusammenhang ignoriert, unterschätzt die strukturelle Bedeutung historisch gewachsener IT-Landschaften.

Eine sachliche Debatte über KI und COBOL sollte daher zwei Dinge anerkennen. Erstens: Der Einsatz von KI ist ein sinnvoller Hebel zur Effizienzsteigerung und Risikoreduktion in Modernisierungsprojekten. Zweitens: Die Substanz geschäftskritischer Systeme bemisst sich nicht an ihrer Programmiersprache, sondern an ihrem Beitrag zur Wertschöpfung.

COBOL ist kein Museumsstück. Es ist Teil produktiver Infrastruktur. KI ist kein Totengräber dieser Infrastruktur, sondern ein potenzieller Beschleuniger ihrer Weiterentwicklung. Wer strategische Entscheidungen trifft, sollte sich weniger von kurzfristigen Kursbewegungen leiten lassen und stärker von langfristiger Business-Logik.

Legacy IT verdient eine differenzierte Betrachtung. Alles andere bleibt Schlagzeile.

 

Über den Autor: Uwe Graf ist Head of Consulting bei der EasiRun Europa GmbH und gilt auf LinkedIn als eine der profiliertesten Stimmen in Sachen Mainframe-Modernisierung. Seine Beiträge sind fachlich präzise, pointiert – und unverkennbar durch den kleinen Dino, der als Symbol für den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation steht. Für sein Engagement in der Mainframe-Community wurde er 2025 sowohl als IBM Champion als auch als „Influential Mainframer“ von planetmainframe.com ausgezeichnet