Claude, COBOL und IBM: Überreaktion oder Wendepunkt?

Die Aktie von IBM ist in dieser Woche deutlich unter Druck geraten. Auslöser war ein Blogbeitrag des KI-Anbieters Anthropic, in dem das Unternehmen darlegt, wie sein Tool Claude Code die Modernisierung von COBOL-Systemen erleichtern könne. Die Ankündigung reichte aus, um den Kurs zeitweise zweistellig einbrechen zu lassen.

Mehrere Medien berichten übereinstimmend über den Kursrutsch. Heise Online schreibt, Investoren hätten offenbar befürchtet, KI-gestützte Tools könnten die Abhängigkeit vom klassischen Mainframe-Geschäft reduzieren. Bloomberg verweist auf einen der stärksten Tagesverluste der IBM-Aktie seit Jahren und bringt diesen direkt mit der Veröffentlichung des Blogposts in Verbindung.

Was Anthropic konkret behauptet

Im Beitrag auf claude.com beschreibt Anthropic, KI könne helfen, die „Kostenbarriere“ bei der Modernisierung von COBOL-Systemen zu durchbrechen. Claude Code sei demnach in der Lage, große COBOL-Codebasen zu analysieren, Abhängigkeiten transparent zu machen und Transformationspfade vorzuschlagen. Implizit wird suggeriert, dass sich dadurch Modernisierungsprojekte deutlich beschleunigen und kostengünstiger umsetzen ließen.

Die Börse interpretierte diese Aussagen offenbar als Angriff auf ein zentrales Geschäftsfeld von IBM – insbesondere im Bankensektor, wo Mainframes weiterhin eine tragende Rolle spielen.

Déjà-vu vom November

Für Marktbeobachter ist die Dynamik nicht neu. Bereits im vergangenen November hatte Anthropic ähnliche Aussagen zur KI-gestützten COBOL-Modernisierung veröffentlicht. Wir hatten diese Ankündigungen damals im Legacy IT Center eingeordnet („Wie praxistauglich ist die COBOL-Modernisierung mit Anthropics Claude?“) und auf mehrere offene Fragen hingewiesen.

Schon damals zeigten sich Praktiker zurückhaltend. In der Diskussion wurde betont, dass es bei der Modernisierung von COBOL-Systemen nicht allein um Code-Transformation gehe, sondern um tief eingebettete Geschäftslogik, regulatorische Anforderungen und jahrzehntelang gewachsene Systemlandschaften. KI könne Analyse und Dokumentation unterstützen, ersetze jedoch weder fachliches Know-how noch sorgfältiges Test- und Migrationsmanagement.

Pressestimmen zwischen Kapitalmarktlogik und Praxisrealität

Auffällig ist, dass die aktuelle Berichterstattung stark auf die Marktreaktion fokussiert. Während Heise die technologische Perspektive und mögliche Effekte auf das Mainframe-Geschäft beleuchtet, betonen Bloomberg und Reuters u. v. a. vor allem die Kapitalmarktfolgen. Die Grundannahme vieler Investoren scheint zu sein, dass KI-Tools die Eintrittsbarrieren in die Modernisierung drastisch senken und damit etablierte Anbieter unter Druck setzen könnten.

Ob diese Schlussfolgerung trägt, bleibt offen. Die Berichte selbst liefern kaum Hinweise darauf, dass Claude Code bereits großflächig produktiv in sicherheitskritischen Kernbanksystemen eingesetzt wird. Vielmehr wird eine potenzielle zukünftige Disruption vorweggenommen.

Einordnung für IT-Entscheider in Finanzinstituten

Für IT-Entscheider in Banken und Versicherungen ergibt sich daraus ein differenziertes Bild: Erstens zeigt die Marktreaktion, wie sensibel das Thema COBOL-Modernisierung inzwischen auch an den Kapitalmärkten wahrgenommen wird. Zweitens unterstreicht die Debatte, dass KI-gestützte Analyse- und Refactoring-Tools zunehmend strategische Relevanz gewinnen.

Gleichzeitig sprechen die bisherigen Erfahrungen aus Modernisierungsprojekten dafür, dass die eigentliche Komplexität weniger im syntaktischen Code als in impliziter Geschäftslogik, regulatorischen Anforderungen und Integrationsabhhängigkeiten liegt. Genau diese Aspekte waren auch im November von Praktikern als kritischer Erfolgsfaktor hervorgehoben worden.

Ob Claude Code tatsächlich eine strukturelle Verschiebung im Modernisierungsmarkt auslöst oder primär eine neue Welle an KI-getriebener Erwartungshaltung befeuert, wird sich daher erst in realen Projekten zeigen. Die heftige Reaktion auf die IBM-Aktie dokumentiert vor allem eines: Legacy-Modernisierung ist längst nicht mehr nur ein technisches Thema, sondern ein strategischer Faktor mit unmittelbarer Kapitalmarktwirkung. (td)