Für die zweite Ausgabe seiner jährlichen Modernisierungsstudie hat der IT-Dienstleister Ensono 500 IT-Entscheider und Führungskräfte aus Fachbereichen befragt – jeweils 250 in den USA und Großbritannien. Die Ergebnisse sind damit nicht unmittelbar auf den deutschen Markt übertragbar, geben aber Einblick in die Modernisierungsstrategien größerer Organisationen in zwei wichtigen IT-Märkten.
Legacy-Systeme gewinnen an Bedeutung
Einer der auffälligsten Befunde: 78 Prozent der Befragten erklärten, Legacy-Systeme spielten in ihrem Unternehmen heute eine wichtigere Rolle als noch vor zwei Jahren. Gleichzeitig optimierten und erweiterten 52 Prozent bestehende Legacy-Systeme und modernisierten Anwendungen in ihrer bestehenden Umgebung, anstatt diese vollständig zu ersetzen. In Großbritannien liegt dieser Anteil bei 57 Prozent, in den USA bei 48 Prozent.
Damit bestätigt die Erhebung einen bereits länger erkennbaren Trend zur selektiven Modernisierung gewachsener IT-Landschaften. Bestehende Systeme werden nicht einfach unverändert weiterbetrieben, sondern schrittweise angepasst, erweitert und mit modernisierten Anwendungen verbunden.
KI erhöht den Modernisierungsdruck – und den Wert von Legacy
Eine wichtige Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz. 54 Prozent der Befragten erklärten, KI beschleunige die IT-Modernisierung in ihrem Unternehmen. Im Vorjahresreport hat dieser Anteil noch bei 39 Prozent gelegen. Die Unterstützung von KI, Automatisierung und fortgeschrittenen Dateninitiativen ist mit 29 Prozent zudem der am häufigsten genannte Treiber für Modernisierung. Dahinter folgen steigende Risiken etwa durch Sicherheitslücken, Ausfälle oder Compliance-Probleme mit 27 Prozent sowie steigende Kosten und operative Belastungen durch Legacy-Systeme mit 26 Prozent.

Dabei zeigt die Studie eine vermeintliche Paradoxie: KI erhöht den Modernisierungsdruck und zugleich den strategischen Wert bestehender Systeme. 46 Prozent der Befragten betrachteten Legacy-Systeme als wichtige Grundlage für KI und als relevante Datenquelle. Weitere 47 Prozent nutzten sie gezielt für bestimmte KI-Anwendungen.
Ensono empfiehlt deshalb, bei der Modernisierung genauer zu betrachten, welche Rolle bestehende Systeme für den KI-Einsatz spielen. Enthalten sie wichtige Daten und Geschäftslogik oder sorgen sie für einen stabilen Betrieb, sollten diese Stärken erhalten und weiterentwickelt werden.
Finanzbranche mit hoher Modernisierungsbereitschaft
Für Banken und Versicherungen liefert der Report einen weiteren interessanten Befund. 64 Prozent der Befragten aus Financial Services & Insurance erklärten, in den kommenden 24 Monaten sehr bereit zu sein, geschäftskritische Anwendungen zu modernisieren. Im Gesundheitswesen liegt der entsprechende Anteil bei 55 Prozent, bei staatlichen und kommunalen Einrichtungen sowie Bildungseinrichtungen bei 48 Prozent.
Bei der Optimierung und Erweiterung bestehender Legacy-Systeme kommt die Finanz- und Versicherungsbranche dagegen auf 45 Prozent. Im öffentlichen Bereich und Bildungssektor sind es 65 Prozent, im Gesundheitswesen 48 Prozent.
Die Ergebnisse sprechen damit gerade im Finanzsektor für eine Kombination unterschiedlicher Modernisierungsansätze: Geschäftskritische Anwendungen stehen deutlich auf der Agenda, während bestehende Legacy-Systeme zugleich weiterentwickelt werden.
Kosten und Verzögerungen bremsen Modernisierungsprojekte
Wie schwierig solche Vorhaben in der Praxis sein können, zeigen die Angaben zu Budgets und Projektverläufen. 71 Prozent der Befragten berichteten, Modernisierungsinitiativen hätten ihre ursprünglich vorgesehenen Budgets überschritten. Bei 27 Prozent lagen die Mehrkosten bei mindestens 51 Prozent.
In den vergangenen 24 Monaten hätten 38 Prozent Modernisierungsvorhaben pausieren oder verzögern müssen, 36 Prozent hätten den Projektumfang reduziert und 16 Prozent Projekte vollständig aufgegeben. Als Ursachen nennen die Befragten sowohl organisatorische als auch technische Probleme. 19 Prozent verwiesen auf eine mangelnde Abstimmung zwischen IT- und Geschäftsprioritäten, 18 Prozent auf fehlende Transparenz beziehungsweise mangelndes Verständnis der vorhandenen Systeme und Anwendungen.
Ohne Systemverständnis wird Modernisierung schwieriger
Wie wichtig die Kenntnis gewachsener IT-Landschaften ist, zeigt sich auch bei den Erfahrungen aus vergangenen Projekten. 36 Prozent nennen als wichtigste Lektion, vor Beginn einer Modernisierung Transparenz über Systeme und Anwendungen einschließlich ihrer Abhängigkeiten, Architekturen und Datenflüsse herzustellen.
Jeweils 29 Prozent nennen die Verfügbarkeit der notwendigen Fähigkeiten und Expertise sowie realistische Erwartungen hinsichtlich Zeit, Kosten und Ressourcen. 28 Prozent verweisen auf die Ausrichtung von Modernisierungsinitiativen an Geschäftsprioritäten und messbaren Ergebnissen; ebenfalls 28 Prozent auf den Wert eines schrittweisen Vorgehens gegenüber groß angelegten Transformationen.
C-Suite sieht Legacy-Kosten besonders kritisch
Der strategisch gestiegenen Bedeutung bestehender Systeme steht eine weitere Zahl gegenüber: Insgesamt 89 Prozent der Befragten stimmen zumindest teilweise der Aussage zu, dass die tatsächlichen Kosten für den Betrieb beziehungsweise die Pflege ihrer Legacy-Systeme in den vergangenen zwölf Monaten höher ausgefallen seien als budgetiert. 37 Prozent stimmen ausdrücklich, weitere 52 Prozent teilweise zu.
Auffällig ist die unterschiedliche Einschätzung nach Hierarchieebene. 56 Prozent der befragten C-Suite-Mitglieder (etwa CEO, CFO oder CIO) stimmen ausdrücklich zu, dass die tatsächlichen Legacy-Kosten über dem vorgesehenen Budget lagen. Unter den Vice Presidents sind es 40 Prozent, bei Directors 27 Prozent und bei Managern 24 Prozent. Eine Erklärung für diese Unterschiede liefert die Studie nicht.
KI verändert die Rolle von Legacy
Der Ensono-Report bestätigt damit den Trend weg von groß angelegten Ablösungsprojekten hin zu einer selektiveren Modernisierung gewachsener IT-Landschaften. Interessant ist vor allem die Rolle der KI: Sie schafft zusätzliche Anforderungen an Anwendungen, Infrastruktur und Datenzugriff, während wichtige Daten und Geschäftslogik weiterhin in bestehenden Systemen liegen.
Der hohe Anteil der Befragten, die Legacy-Systemen heute eine größere Bedeutung beimessen als noch vor zwei Jahren, passt in dieses Bild. Gleichzeitig zeigen Budgetüberschreitungen und unerwartet hohe Betriebskosten, dass der Weiterbetrieb bestehender Systeme keineswegs automatisch die wirtschaftlich einfachere Option ist. Für Unternehmen bleibt deshalb die Abwägung zentral, welche Systeme und Anwendungen weiterentwickelt und integriert werden – und wo eine Ablösung sinnvoll ist. (td)





